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Mit dem System tanzen

20.07.2012 von Mark Poppenborg (Kommentare: 3)

Wer nicht tanzen kann, kann nicht intervenieren.

Systemtanz

Wie schaffe ich es als Unternehmensberater, ein Unternehmen wirksam in eine gewünschte Richtung zu stupsen? Diese Frage stellen sich viele Berater und viele scheitern. Systemtheoretiker sprechen häufig davon, dass man mit dem System tanzen muss, wenn man es wirksam irritieren will. Ich erlebte kürzlich eine unangenehme Situation, bei der mir der Tanz weniger gut gelang: Ein Führungskräftetraining bei dem es um die Sensibilisierung für moderne Führungssysteme ging. Dieses Erlebnis hat für mich den Anlass geboten, diesen Blogpost zu schreiben.

 

Ich vermeide hier einen tiefen Einstieg in die Systemtheorie. Dennoch einige wichtige Hintergründe: Soziale Systeme bestehen nicht, wie man meinen könnte, aus ihren Mitgliedern, sondern nur aus Kommunikation. Die Unterscheidung System zu Umwelt, also die Abgrenzung zwischen Innen und Außen, wird dadurch definiert, welche Kommunikation stattfindet. Innen und Außen hat nichts mit den Mitgliedern des Systems (z.B. den Mitarbeitern) zu tun. Dies ist zunächst ein ungewohnter Gedanke, der aber zur Arbeit mit Systemen unverzichtbares Grundlagenwissen darstellt. Will man von dem Immunsystem eines Systems nicht abgestoßen werden, muss die von einer Person ausgehende Kommunikation resonanzfähig sein. Man könnte auch sagen, sie muss ähnlich sein, damit sie Gehör finden kann. Nur dann kann Schwingung entstehen, die auf das System wirkt. Berater müssen dazu ganz unabhängig von den Inhalten, um die es geht, "mit dem System tanzen". Doch wie geht das?

 

Ich bin ein junger Schüler der Systemtheorie und mache meine ersten Gehversuche, nachdem ich bisher tollpatschig in den Unternehmen umhergetrampelt bin.

Inzwischen nutze ich jede Gelegenheit, die ich mit den Mitarbeitern des Unternehmens verbringe, um ein Gefühl für die Sprache und die Art von Kommunikation zu entwickeln, die das "Innen" definiert. Ich versuche dabei genau auf die verwendete Bezugnahme auf Kollegen und Führungskräfte zu achten. Wird von "WIR" oder "ich" gesprochen? Wird auf Regeln verwiesen? Existiert eine "Ich bin großartig, die anderen nicht" Sprache? Wird neidisch auf den Erfolg anderer verwiesen? Wird Ohnmacht zum Ausdruck gebracht? Wird der Kunde beschimpft? Wird mit Beispielen oder mit Theorien argumentiert? All dies gibt Hinweise auf die Systemsprache. Dies geht über individuelle Sprachstile deutlich hinaus.

 

Nur durch die "Annahme" derselben Sprache, besteht die Chance auf wirksame Intervention. Man könnte auch sagen: "Der Ton macht die Musik". Je mehr ich die Aktivitäten meiner Spiegelneuronen zulasse und die Systemsprache "kopiere", diese also als meine annehme, anstatt meine eigene ignorant beizubehalten, desto mehr ist Resonanz möglich.

 

Es stellte sich jedoch heraus, dass mir dies in dem oben beschriebenen Beispiel kaum gelang. Meine Botschaften liefen ins Leere. Business Kasper würden sagen, dass ich die Kollegen „nicht abgeholt“ und deshalb auch nicht „ins Boot geholt“ habe. Diese Floskeln kann ich ehrlich gesagt nicht mehr hören weil sie meist unreflektiert daher kommen. Oft ist es auch eine Pseudoaussage von Managern, die an Change-Management glauben.

Ich habe mich nach dem Termin mit den Führungskräften gefragt, worauf dieser Misserfolg zurückzuführen war. Die Antwort erschien rückblickend recht einfach. Ich war einem gängigen Fehler unterlaufen:

Typisch für Berater ist die Etablierung eines Sprachmusters. Wir eignen uns oft Satzpassagen und Metaphern an, die wir in jeder Situation einsetzen, um zu überzeugen. Wir hatten einige Male Erfolg mit eingeübten Beispielen und verwenden diese dann unabhängig vom Kontext immer wieder. Dies kann aber nur glücken, wenn diese Bausteine der Kommunikation möglichst integrierend gestaltet sind und allen Systemen die Möglichkeiten geben, anzudocken. Ich erlebe aber meist eher das Gegenteil: Provokante, oft schon ignorante, ausschließende Kommunikation. So trifft das System schnell die Unterscheidung "Außen" und unsere Bemühungen sind umsonst. So auch in meinem Fall.

 

Die Annahme der Systemsprache erfordert also eine Überwindung der eigenen Sprachmuster und das möglichst flexible Reagieren auf das System. Adaption ist keine Schwäche, sondern eine Stärke und hat nichts mit unauthentischem Verhalten zu tun. Jeder kann mit dem System tanzen ohne seinen Stil zu verraten.

 

Wie geht es Ihnen dabei?

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Kommentar von S=ren | 22.07.2012

Wenn wir Peter Lüssi glauben schenken, dann ist Beratung neben Vertretung, Verhandlung und Intervention eine der wirksamsten Methoden, die zur Herstellung von Problemlösungssystemen dienen.

Ein Problemlösungssystem können wir aber nur von "Innen" heraus herstellen. Alle von Außen aufgezwungenen (aufgepfropften) Lösungsansätze werden vom "Innen" als aufgesetzt und besserwisserisch erlebt, und daher latent abgelehnt (manchmal offen, oftmals verdeckt, manchmal sofort, oftmals erst später)

(Sicherlich oftmals helfen auch aufgepfropfte Lösungen. Eine nachhaltige Wirkung entfalten diese allerdings nur sehr selten. Das eigentliche Problem des Unternehmens, welches zum taucht meist unmittelbar und an einer anderen Stelle wieder auf. Dann braucht es wieder einen Besserwisser der eine Lösung aufpfropfen kann … gut fürs Geschäft - schlecht fürs Unternehmen. Mediziner nennen dies Symptombehandlung.)

Meines Erachtens sollten Berater keine Besserwisser sein. Sie sollten als "neugierige Forscher" auftreten. Den unverstellten Blick eines systemunabhängigen Dritten nutzen. Und richtig, da sich Systeme im wesentlichen über die Kommunikation nähren und ausprägen, ist dies die Ebene auf die Berater ihre uneingeschränkte Konzentration legen sollten. Um das System zu verstehen und zu erreichen, muss der Berater die Sprache des Systems verstehen. Diese Sprache lernt er oftmals erst im direkten Kontakt mit den "Innen" des jeweiligen Systems. Und das ist auch gut so. Denn nur dann kann er die passenden Fragen stellen die das "Innen" braucht um die richtigen Antworten zu finden.

Für mich ist dies eine Frage der Wertschätzung und der Anerkennung des bestehenden "Innens". Dieses System will aus sich selbst heraus passende, wertschöpfende, nachhaltige Lösungen finden.

Beratung kann ein Weg sein um das "Innen" zu trainieren genau dies zu erreichen.

Und natürlich hilft tanzen. Tanzen hilft immer! Wenn es gelingt miteinander zu tanzen ist die Sache auf einem pro-evolutionären Weg.

Kommentar von Ardalan | 31.07.2012

Sehr toller Beitrag, Danke Mark! - Sehr spannend finde ich die Schluss-Aussage: "Adaption ist keine Schwäche, sondern eine Stärke und hat nichts mit unauthentischem Verhalten zu tun. Jeder kann mit dem System tanzen ohne seinen Stil zu verraten." Magst Du noch mehr dazu schreiben, wie das möglich ist oder wie Du Dir das genauer vorstellst?

Ich selber tue mich damit nicht leicht, denn mein Eindruck ist oft, dass mich dann das System zu schlucken beginnt und ich irgendwann keine Reizpunkte (zur Veränderung) mehr setze - In der Folge setze ich lieber auf Handfeste Irritation und lasse das System dann rudern und durchaus auch mal auf Abwehr (Aktivierung der eigenen Immunsysteme) setze. - Systemtheoretisch betrachtet, ist ja eh weitgehend unabsehbar, was ein komplexes System mit der Kommunikation macht, mit der man sich in Verbindung sieht. Was sich subjektiv schlecht anfühlt (Bild: Ich steige meinem Tanzpartner auf die Zehen und er mir, wir kegeln disharmonisch und gar nicht elegant durch den Tanzsaal), kann durchaus Effekte haben, die das System zu wünschenswerten Veränderungen bringen bzw. dazu beitragen.

Aber natürlich wär elegantes Tanzen, perfektes Einstellen der Tanzpartner aufeinander ein Traum. Wenn wir auch da benutzen, was uns das Bild nahelegt, dann heißt das wohl: Hohes Zeitinvestment, denn nach aller Erfahrung brauchen die meisten Tanzpartner eine ganze Weile um sich als "Paar" zu finden und dann wirklich einen klasse Tango auf Parkett zu legen.

Ich selber hab eben nur ganz schön Schiss (euphemistisch: Respekt) vor dem, was man mal "Marsch durch die Insitutionen" genannt hat - und dem, was es mit den Leuten gemacht hat, die da durchmarschieren wollten. Denn: Offenbar kann man nichts verändern ohne sich selbst dabei zu verändern.

Würde mich aber wirklich sehr interessieren, wie Du das mit Deinen Erfahrungen siehst. Daher: Wie machst Du das: "Tanzen, ohne Deinen Stil zu verraten?"

Kommentar von Sebastian | 17.07.2013

Hallo Ardalan, mir gefällt Deine Weiterentwicklung der Ausgangsmetapher von Mark, vom Tanz mit dem System zum tanzenden Tanzpaar. Es gibt ein Buch das ich dir empfehlen möchte, welches (denke ich) viele Deiner Fragen beantworten kann. Es heißt "Giraffentango - Selbstbewusste Kommunikation in der Partnerschaft" von Serena Rust. Dort findest du viele Inhalte und Gedankengänge die Deine Fragen grundsätzlich beantworten können. Mit dem Giraffentango im Gepäck kannst du mit Selbstbewusstsein und Wertschätzung durch die Systeme in deinem individuellen Tanzstil tanzen. Auch wenn Serena Rust sich auf Partnerschaften bezieht, geht es auch bei Ihr um Menschen und deren Kommunikationsbeziehungen, genau so wie in Systemen - in denen die Menschen kommunizieren und Beziehung gestallten. Mit den besten Grüßen, Sebastian.