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Warum moderne Unternehmensführung rechtlich gefährlich ist

21.08.2014 von Alexandra Vollmer (Kommentare: 3)

Teil 1 - Mit einem Bein im Knast?

© ronleishman - depositphotos.com

„Hat der Chef schon unterschrieben?“ Vielleicht die am häufigsten gestellte Frage in der hiesigen Unternehmenslandschaft. Sei es ein Angebot an den neuen lukrativen Kunden oder auch die Bestellung eines neuen Schreibtisches  - nichts geht ohne sein Einverständnis. Und so spielt sich unser Arbeitsalltag ab zwischen den Entscheidern „da oben“ und den Machern „da unten“. Frustrierend. Und doch hängen wir dran. Schon von Rechts wegen.

 

Die heutige Rechtsprechung geht von EINEM Entscheider aus – dem Geschäftsführer. Und der haftet. Immer.

 

Eine zentralisierte Entscheidungsgewalt – genau das wollen Intrinsifier jedoch nicht. Diese modernen Arbeitsorganisationen glauben nämlich daran, dass Menschen immer Höchstleistung bringen – wenn man ihnen nicht im Weg steht und wenn man sie wirklich gestalten lässt. Sie wollen echte Verantwortung bei den Mitarbeitern sehen. Sie wollen, dass die entscheiden, die auch machen.

 

Aber sie können nicht! Denn wie kann Jemand bewusst den Weg der Dezentralisierung gehen, wenn über ihm immer das Damoklesschwert der Geschäftsführer-Haftung schwebt?

 

Sven C. Andrä, Vorstand einer unserer Intrinsifier, der Andrä AG, zeigt uns fünf Fallen aus dem Alltag:

  1. Verantwortung abgeben versus Sorgfaltspflicht: Gerade dort, wo der Geschäftsführer im Sinne einer modernen Organisationsform Verantwortung dezentralisiert, macht er sich aus rechtlicher Sicht persönlich haftbar, weil er dabei potentiell seine Sorgfaltspflichten verletzt.
  2. In der Krise alle Macht dem Chef: Gerade in Krisensituationen bewegt sich ein Geschäftsführer durch das Insolvenzrecht schnell im strafrechtlichen Bereich. Spätestens sobald ein Unternehmen auch nur am Rande einer Krise steht (bei Startups nicht selten), muss der Geschäftsführer also wieder alle Entscheidungen an sich ziehen um den aktuellen Anforderungen der Rechtsprechung genüge zu tun.
  3. Beste Grüße unbekannterweise: Sucht das Unternehmen neue Mitarbeiter, so agiert hier in der Regel das relevante Team federführend. Es schreibt aus, wählt aus, vereinbart die Konditionen. Am Ende muss der Geschäftsführer dann trotzdem formal unterschreiben – den Entschluss also gut heißen, obwohl er den neuen Mitarbeiter oft gar nicht kennt (kennen kann).
  4. Geld nur bei persönlicher Haftung: Selbst einen Überziehungsrahmen erhält ein Unternehmen zumeist nur, wenn der Geschäftsführer bzw. ein Hauptgesellschafter persönlich haftet.
  5. Eben noch gemeinsam am Krökeltisch, morgen schon gegeneinander im Gerichtssaal? Das, was Mitarbeiter heute noch als optimale Arbeitsumgebung gestalten, können sie morgen schon gegen die Gesellschaft und damit letztendlich den Geschäftsführer richten und diesen in Sachen Arbeitszeit, Arbeitssicherheit und insbesondere auch in Sachen Datenschutz in die direkte Haftung nehmen. Was heute als Transparenz geschätzt wird, gilt vielleicht morgen schon als Verstoß gegen das Datenschutzgesetz mit entsprechender persönlicher Haftung des Geschäftsführers.

 

„Die aktuellen Gesellschaftsformen grenzen leider die Möglichkeiten zeitgemäßer Organisationsformen extrem ein und verbauen uns damit wichtige Chancen beim Umgang mit den komplexen Herausforderungen der Zukunft“, so Vorstand Sven Andrä.

 

Sinnstiftendes Arbeiten braucht einen passenden Rechtsrahmen! Wir wollen das Thema auf die Agenda holen und mit Euch diskutieren. Wie sollte ein moderner Rechtsrahmen aussehen? Welche rechtlichen Möglichkeiten gibt es schon heute für die Gestaltung moderner Strukturen? Fragen, zu denen wir verschiedene Personen zu Wort kommen lassen werden. Personen, die sich auskennen, die das Thema unmittelbar bewegt und die uns wertvolle Impulse geben können. Wir freuen uns, wenn Ihr dabei seid! Schildert uns, wie Ihr die Situation erlebt und wohin es Eurer Meinung nach gehen muss. In den nächsten zwei Blogs schauen wir uns das Thema genauer an. Für mehr happy working people!

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Kommentar von Ardalan | 24.08.2014

Mann, das ist so ein wichtiges Thema und beschäftigt mich deswegen auch schon eine Weile! :-)

Ich gehe derzeit davon aus, dass das Rechtssystem, da es vom politischen System gestaltet wird, sich als letztes unter allen Systemen verändern wird.

Sollte ich damit richtig liegen, bedeutet das, dass organisatorisch innovative Unternehmen und vor allem deren Geschäftsführer noch LANGE auf eigenes rechtliches Risiko das tun, was unternehmerisch und menschlich richtig ist.

Und dass das Rechtssystem dabei immer ein Klotz am Bein sein wird. - Ärgerlich, aber so ist es halt.

Das politische System, so wie es (zum Glück!) heute in unseren Breiten besteht, direkt beeinflussen zu wollen, halte ich für eine reine Ressourcenverschwednung: A) Geht es dadurch auch nicht schneller. B) Zieht es sowieso nach, wenn der Rest der Gesellschaft schon lange so weit ist. C) Kann ich mir vorstellen, mein Leben mit Beglückenderem und Produktiverem zu verbringen als mit Politik. ;)

Kommentar von Bernd Oestereich | 25.08.2014

Ich sehe das Thema etwas entspannter, „mit einem Bein im Knast“ finde ich übertrieben.

Zum einen ist jede Unternehmensführung immer mit einem Bein im Knast, weil man gar nicht alle formalrechtlichen Auflagen (man denke nur an Datenschutz) immer astrein erfüllen kann, ohne den Geschäftsbetrieb zu gefährden.

Vor allem aber sehe ich hier keinen großen Unterschied zwischen selbstorganisierter und hierarchisch vorgegebenen Führung und Management. Auch in traditionell organisierten Unternehmen wird Verantwortung delegiert, an die GF-Assistenz, an die HR-Abteilung, an Bereichs- und Abteilungsleitungen, Marketing, Vertrieb etc. die temporär oder ständig bevollmächtigt oder im Auftrag handeln und auch extern zu verantwortende Entscheidungen treffen und Handlungen begehen.

Es gibt weiterhin die drei Varianten
- im Auftrag (i.A.) – im Einzelfall oder für bestimmte Arten/Gattungen von Handlungen (z.B. Geld verfügen, Kontozugang etc.)
- in Vertretung/Generalvollmacht (i.V.)
- und Prokura (ppa.)

Beispielsweise ist es in großen Unternehmen gar nicht üblich, dass die Vorstände jeden Arbeitsvertrag selbst unterschreiben.

Ob nun eine hierarchisch bestimmte Person oder eine von der Kollegenschaft selbst bestimmte Person eine solche Rolle einnimmt, macht meines Erachtens formal keinen Unterschied – allenfalls stellt sich die Frage nach der Eignung und Qualifikation dieser Personen für ihre jeweilige Rolle. Da bezweifel ich, das von oben vorgegebene Personen immer die geeigneteren sind. Im Gegenteil, durch offenere Reflexion und Diskussion haben wir gute Chancen, hier sogar deutlich erfolgreicher zu agieren.

Auch in selbstgeführten Unternehmen können die kollegial gewählten Rollen formalen Charakter bekommen, also bspw. Prokura.

Auch wenn es sich in einer selbstorganisierten Führungskultur anders anfühlt, bleiben es formal Bevollmächtigungen. Was trotz aller Selbstorganisation also unverändert notwendig bleibt, ist die Aufmerksamkeit der formalen Vollmachtserteiler (z.B. Vorstand) auf die Handlungen der Bevollmächtigten (selbstorganisiert entstehende Rollen) und im Ausnahmefall eine Korrektur, ein Veto oder eine Kompensationshandlung. Ausnahme meint hier aber eben nicht, dass die Handlungen den formalen Chefs inhaltlich nicht passen – sondern, dass diese aus Haftungsgründen diese nicht mehr formal verantworten können.

In unserer Genossenschaft haben bspw. die Vorstände die Möglichkeit und Pflicht, im Notfall
a) Entscheidungen zu korrigieren (d.h. Anweisungen zu erteilen und diese ggü. der Kollegenschaft zu verantworten),
b) Bevollmächtigungen zu widersprechen oder temporär oder dauerhaft zu entziehen („in der Krise alle Macht dem Chef“),
c) sich für Entscheidungen, die sie nicht verantworten möchten, die Entlastung/Verantwortungsübernahme des Aufsichtsrates oder der Generalversammlung zu holen oder
d) von ihrem Amt zurückzutreten.

Bei oose kann schon immer jeder Mitarbeiter im Prinzip beliebig viel Geld ausgeben, ohne dass es explizite i.A., i.V.- oder ppa.-Regelungen gibt. Dennoch gibt es aber nur bestimmte Personen die bspw. das Girokonto oder die Kreditkarte benutzen können, so dass faktisch immer mehrere Personen an den Handlungen beteiligt sind. Die Unterscheidungen heißen „inhaltlich vs. formal“ und „Innenverhältnis vs. Außenverhältnis“:
- der eigenverantwortlich handelnde Mitarbeiter, der im Innenverhältnis der Kollegenschaft ggü. INHALTLICH verantwortlich ist.
- den mit formaler oder technischer Macht ausgestatteten Mitarbeitern, die im Innenverhältnis FORMAL Verantwortung (mit-)tragen
- den offiziellen Verantwortungsträgern, die im Außenverhältnis inhaltlich und formal Verantwortung tragen.

Kurz gesagt: ja es gibt Haftungsfragen, wir stellen uns diesen Fragen in selbstgeführten Organisationen aber nicht per se gefährlicher oder weniger verantwortungsvoll.

Kommentar von Albrecht Groß | 14.09.2015

Es gibt aktuell (formal seit 01. August, praktisch ab 01. Oktober 2015) eine neue - auch thematisch sehr interessante - Förderung vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Künftig werden insbesondere Kleinstunternehmen (1 bis 10 Mitarbeiter) mit 80% Zuschuss für max. 10.000€ Beratungskosten gefördert, wenn sie spezielle Themen in ihrem Unternehmen umsetzen. Dazu gehört u.a. auch moderne Personalführung mit mehr Transparenz, mehr Verantwortung und Kompetenzzuweisungen für Mitarbeiter und letztlich auch mehr Mitsprache.
Für diese Beratungen wurden nur ganz speziell ausgebildete und erfahrene Prozessberater zugelassen.
Als einer dieser Prozessberater kann ich dem Artikel hier nur zustimmen, wenngleich die Suppe meistens nicht so heiß gegessen wird, wie man sie kocht. Aber es ist doch spannend zu sehen, wie gravierend selbst in der Politik die Kluft zwischen längst notwendigen Veränderungen und juristischen Rahmenbedingungen klafft.