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Warum so viele Jobs sterben...

09.09.2011 von Mark Poppenborg (Kommentare: 2)

...und so viele neu entstehen.

Die Online Verkaufsplattform Zappos gibt jedem ihrer Mitarbeiter eine Kreditkarte, weil sie an den unternehmerischen Verstand ihrer Mitarbeiter glaubt. Google lässt seine Angestellten während 20% ihrer Arbeitszeit an eigenen Ideen und Projekten arbeiten, weil es so das Kreativitätspotential aller zur vollen Entfaltung bringt. Walmart, der größte privatwirtschaftliche Arbeitgeber der Welt (2,1 Millionen Mitarbeiter), transformiert von einer Regel-basierten zu einer Werte-basierten Unternehmenskultur. Netflix, aber auch hiesige Arbeitgeber, wie die uns nahe stehende Vollmer & Scheffczyk GmbH, lassen ihre Mitarbeiter so viel Urlaub nehmen wie sie es selbst für richtig halten, weil dadurch eine Vertrauenskultur entsteht. Diese Intrinsifier (so nennen wir solche Unternehmen) sind ein guter Beleg für den zulässigen Optimismus, den wir in dem vorletzten Blogbeitrag zum Ausdruck gebracht haben.

 

Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten. Die Jobs bei diesen Intrinsifiern sind überwiegend und vor allem zunehmend Jobs in der Wissensarbeit - ausdrücklich nicht alle, siehe z.B. Walmart. In der heute veröffentlichten Ausgabe des Economist wird in dem Spezialbericht "The Future of Jobs" genau auf dieses Problem eingegangen. Der Economist zitiert das McKinsey Global Institute folgendermaßen: Es gibt drei Haupttypen von Jobs.

  1. Die sogenannten „transformational jobs“ sind solche, in denen überwiegend physisch gearbeitet wird. Nennen wir sie mal Physische Jobs.

  2. „Transactional jobs“ sind hingegen relativ standardisierbare Jobs z.B. in Call-Centern und Banken, die zunehmend das Potential zur Automatisierung haben. Nennen wir sie Routine-Jobs.

  3. Und die sogenannten „interactional jobs“. Jobs, die besonders wissens- und kooperationsintensiv sind. Wir bezeichnen diese als Wissensjobs (also Jobs in der Wissensarbeit).

Die Globalisierung führt schon seit einigen Jahren zu einer drastischen Abnahme vieler Physischer Jobs in den entwickelten Ländern. Wir kennen das alle unter dem Begriff „Outsourcing“, womit im Volksmund oft die Abwanderung von „Billig-Jobs“ in Entwicklungsländer beschrieben wird. Die rasanten Innovationssprünge führen nun zusätzlich zu einer Automatisierung nicht nur bei den Physischen Jobs, sondern insbesondere auch in den Routine-Jobs. Bankschalter werden obsolet, weil wir Online-Banking nutzen, Reisebüros werden durch ihre elektronischen Wettbewerber im Internet ersetzt, sogar Schuhverkäufer erleben mit dem Online-Schuhhandel Zappos bzw. Zalando (in Europa) eine Revolution in einem Markt, an dessen Ortsgebundenheit so gut wie keiner gezweifelt hatte.

 

Viele verteufeln die Konzerne für ihre entsprechenden Kündigungswellen. Doch wir sollten einen unvermeidlichen Trend nicht mit der gelegentlichen Rationalisierungsmanie mancher Großkonzerne verwechseln. Das gesamte Arbeitsvolumen wird nicht weniger. Es sind neuartige Jobs, die insbesondere auch in den vielen kleinen Unternehmen an die Stelle der Jobs bei den „Großen“ treten. Diese Jobs sind allerdings anders: Es braucht plötzlich viel mehr Menschen, die Systeme gestalten und Innovationen herbeiführen. Anspruchsvolle, wissensintensive Jobs treten an die Stelle von Routinetätigkeiten. An den Montagebänder der Automobilkonzerne stehen immer weniger Menschen, in den Büros der Buchhaltung leeren sich die Plätze, doch bei den Zulieferern wird händeringend nach cleveren Köpfen zur Entwicklung hochautomatisierter Anlagen gesucht und nach Menschen, die kleine schlagkräftige Projektteams leiten können. Und die Softwarefirmen dieser Welt jagen nach immer findigeren Lösungen für die Automatisierung von Geschäftsprozessen. Die Folge ist eine drastische Zunahme an dem Bedarf hochqualifizierter und eine Abnahme an dem Bedarf gering- bis mittelqualifizierter Arbeitnehmer.

 

Menschen wie unsere Stypes bei intrinsify.me haben Glück, denn sie bringen die nötigen Kompetenzen mit, die heute in Massen nachgefragt werden. Doch dieses Glück haben längst nicht alle. Die Frage, die sich also unaufhaltsam aufdrängt, ist: Wie müssen unsere Ausbildungssysteme, unsere Schulen, unsere Universitäten, unser gesamtes Bildungssystem darauf reagieren? Wie müssen wir unsere junge Generation vorbereiten, damit der hungrige Bedarf an hochqualifizierten Wissensträgern, Kommunikationsmeistern und Unternehmertypen befriedigt werden kann? Wie sorgen wir für ausreichend viele Talente, damit deutsche Unternehmen sich nicht gezwungen sehen, in Länder abzuwandern, in denen diese Fragen vielleicht wirksamer beantwortet werden? Wir freuen uns über Ihre und Eure Meinung.

 

Der Bericht des Economist ist hier zu finden.

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Kommentar von Jochen Kraus | 09.09.2011

Hi,

bevor ich jetzt lange Thesen aufstelle, die das Bildungssystem in Deutschland betreffen, möchte ich lieber einen Vortrag von Sir Ken Robinson zitieren, der sich mit genau dieser Systematik auseinandersetzt.
http://www.youtube.com/watch?v=zDZFcDGpL4U

Schöne Grüße,

Jochen

Kommentar von Tim | 10.09.2011

Schwieriges Thema. Um eine bessere Qualifikation Heranwachsender für die stärker kreativen und innovativen Prozesse der Wissensarbeit sicherzustellen sind sicherlich Transformationen im Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Uni nötig. Ansätze wie die von Ken Robinson (vgl. letzte Antwort) oder auch anderen sind hier nützlich und geben hilfreiche Impulse.

Mir drängt sich beim Lesen des Artikel im Economist allerdings ein weiteres Dilemma auf. In fast allen Diskussionen zum Thema "Wandel der Arbeitswelt" wird davon gesprochen, dass sich die Jobs in den (aktuellen) Industriestaaten (entwickelten Ländern, Hochlohnländern, you name it ...) in Richtung der Wissensarbeit entwickeln. Dabei schwingt nach meinem Empfinden häufig die Überzeugung mit, dass jeder wegfallende physische Job oder Routine-Job im Verhältnis 1:1 durch einen Job in der Wissensarbeit zu kompensieren sei. Die nötige Qualifikation der Arbeitnehmer für diese Tätigkeit müsse halt lediglich hergestellt werden.

Ist es das denn? Kann das Verhältnis tatsächlich 1:1 sein? Glauben wir daran, das für 100.000 abwandernde Arbeitsplätze in der produzierenden Industrie tatsächlich 100.000 Gestalter innovativer und kreativer Systeme und Prozesse am (grob) gleichen "Standort" gebraucht werden können? Handelt es sich dabei um wirtschaftlich nachhaltige und stabile Arbeitsplätze? Oder schaffen wir ein überzogenes Angebot an Dienstleistungen, das in dieser Fülle eventuell überhaupt nicht benötigt wird.

Man kann zweifelsohne schon zwischen den Zeile eine gewisse Skepsis meinerseits erkennen. Ich hab den Gedanken nun ein paar Stunden hin und her gewälzt, komme jedoch nicht so recht weiter. Ich bin gespannt auf die Standpunkte und Ideen weiterer Diskussionsteilnehmer.