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Wenn wir wüssten, wie wir denken

16.12.2012 von Mark Poppenborg (Kommentare: 7)

Die Leiter der Schlussfolgerungen

Leiter der Schlussfolgerungen

Gelegentlich erzähle ich in Seminaren oder Beratungsprojekten, dass ich mit Unternehmen arbeite, die ihren Mitarbeitern die Gehaltswahl selbst überlassen oder keine Urlaubsregelung haben. Das ist häufig der Moment in dem mein Gegenüber entweder in Begeisterung ausbricht oder innerlich abschaltet. Auch erzähle ich derzeit begeistert von meiner paläolithischen Ernährungs- und Lebensweise und stoße damit auf viel Stirnrunzeln.

 

Die „Leiter der Schlussfolgerungen“ oder ursprünglich „Ladder of Inference“ hilft zu verstehen, wie solche Reaktionen zustande kommen. Ich halte sie für ein großartiges Denkmodell, um in Gesprächen die jeweiligen Reaktionen einordnen zu können und selbst bewusster zu agieren.

 

Dieses kurze Video bietet einen charmanten Einstieg.

 

 

 

  1. Stufe: „Wir sehen was wir sehen wollen“ ist die Kernaussage dieses Videos. Und dieser Effekt ist die erste Stufe der Leiter der Schlussfolgerungen. Jeder Mensch wählt, aus dem was er aktuell wahrnehmen könnte, nur einen kleinen Teil aus. Jede Beobachtung ist eine eingeschränkte Beobachtung.
  2. Stufe: Als nächstes messen wir dem Wahrgenommenen eine Bedeutung bei. Im Falle der Erzählungen über die freie Gehaltswahl, erkennen wir beispielsweise die hohe Relevanz für den Alltag. „Hierüber kann ich nicht einfach so hinweggehen. Das was der Poppenborg erzählt ist anders als bei uns.“ Ich entscheide also welche Bedeutung die Situation – hier das Gesagte - für mich hat.
  3. Stufe: Anschließend treffe ich Annahmen über die Situation. „Bei diesem Unternehmen mit der freien Gehaltswahl arbeiten sicher nur top ausgebildete Akademiker. Und die sind sehr klein. Sonst kann das gar nicht gehen.“ Ich treffe Annahmen über die Situation, um sie bewerten zu können.
  4. Stufe: Ich ziehe Schlussfolgerungen für meine Situation. „Der Poppenborg redet Blödsinn. Bei uns könnte das nie funktionieren. Das ist ja eine ganz nette Geschichte, aber in der 'echten' Wirtschaft geht sowas nicht. Wo kommen wir denn da hin? Schließlich sind wir ja nicht auf dem Ponyhof.“
  5. Stufe: Ich passe mein Handeln an. In diesem Beispiel wird die Person meinen folgenden Ausführungen vielleicht noch kritischer gegenüberstehen, weil ich ja bereits einmal „falsch“ lag.

 

Entscheidend ist bei dem Durchlaufen dieser Stufen, dass Menschen ihre Beobachtungen (Stufe 1) und Bedeutungsbemessung (Stufe 2) aufgrund von inneren Überzeugungen und Glaubenssätzen vornehmen. Und eben diese Überzeugungen werden von unseren Annahmen (Stufe 3) und Schlussfolgerungen (Stufe 4) genährt (siehe Grafik oben rechts). In diesem Beispiel beeinflusst die Annahme über die Andersartigkeit der eigenen Situation und die Schlussfolgerung, dass ich (Mark Poppenborg) unter Umständen Blödsinn erzähle, die Wahrnehmung und Bedeutungsbemessung im Folgeprozess. Wir haben es mit einem rekursiven Prozess zu tun.

 

Außerdem wirken meine Handlungen unmittelbar darauf, was ich überhaupt beobachten kann. Wenn ich mich dazu entscheide ab sofort weniger genau hinzuhören und öfter meine E-Mails auf dem Blackberry abrufe, entgeht mir vielleicht die Stimmung im Raum, eine weitere Information, erklärende Anmerkungen, etc.

 

Aus diesem einfachen Beispiel lassen sich drei wesentliche Empfehlungen ableiten:

 

  1. Ich muss mir als Impulsgeber/Berater genau überlegen, auf welche Überzeugungen ich vermutlich treffen werde und mir dabei bewusst sein, dass ich selber Opfer der Leiter der Schlussfolgerungen bin.
  2. Ich sollte mich stets dazu zwingen, aktiv auf die niedrigeren Stufen der Leiter zurückzukehren und meine Beobachtung zu schärfen: Gibt es etwas anderes, was mir entgangen sein könnte? Was gibt es hier noch zu sehen bzw. beobachten?
  3. Ich sollte mir versuchen wiederholt bewusst zu machen, auf Grundlage welcher Überzeugungen ich meine Annahmen und Schlussfolgerungen getroffen habe?

 

Die Leiter der Schlussfolgerungen ist unsere Entscheidungsgrundlage - in jeder Situation. Ob Reaktion, Gespräch, Unternehmensplanung. Sie ist unser Qualitätsfilter für Entscheidungen. Und zeigt eindrucksvoll, wie müßig es ist, die Theorie-Praxis-Debatte zu führen. Theorien sind nichts anderes als die Modelle, die wir im Kopf mit uns herumtragen. Jeder handelt theoriebasiert. Von daher lohnt es sich, sich seiner eigenen Theorie bewusst zu sein.

 

Beispiel: Eine Führungskraft entscheidet einen Mitarbeiter stärker zu kontrollieren, weil der Mitarbeiter falsche Entscheidungen in den Augen der Führungskraft trifft. Nach einigen Wochen stellt die Führungskraft fest, dass der Mitarbeiter weniger Verantwortung übernimmt. Ohne gute Theorie könnte die Führungskraft daraus schlussfolgern, dass der Mitarbeiter keine Verantwortung übernehmen will und innerlich gekündigt hat. Mit guter Theorie hingegen könnte die Führungskraft realisieren, dass sie selbst Teil des Problems ist. Ist Entscheidung und Handeln nicht in einer Hand, ist das Gefühl von Verantwortung nicht wahrnehmbar. Dies führt zu Demotivation. Anstatt den Mitarbeiter stärker zu kontrollieren, hätte sie dem Mitarbeiter einen Rahmen geben können, der ihm erlaubt die gleiche (unternehmerische) Perspektive einzunehmen, wie die Führungskraft, z.B. durch mehr Kundennähe, Transparenz über Zahlen, Daten und Fakten und Beispielfälle aus der Vergangenheit.

 

Theoriebasiertes Handeln hat nichts mit Praxisferne zu tun. Im Gegenteil. Es ist ein bewussterer Umgang mit der Praxis. Es schärft die Sinne. Wann immer wir Handeln, sollten wir uns also sehr bewusst mit der Frage auseinander setzen, was unser Handeln treibt.

 

Ich fände es interessant zu lesen, wie die Leiterstufen bei Ihnen/Euch, als Reaktion auf diesen Blogpost, abgelaufen sind.

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Kommentar von Martin Bartonitz | 16.12.2012

Hallo Mark,
vielen Dank für diesen wichtigen Artikel. Besonders auch für das Video mit großem Oha-Effekt.
Es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Effekte, die zeigen, wie wir bei Entscheidungen in die Falle laufen. Ich hatte Gelegenheit, dieses Jahr dem Vortrag "klares Denken" von Rolf Dobelli folgen zu dürfen und habe einige seiner Punkte hier niedergeschrieben: http://faszinationmensch.com/2012/09/14/klares-denken/
Viele Grüße
Martin

Kommentar von Gilbert Oltmanns | 16.12.2012

Hi Mark!
Ein wunderbare Zusammenfassung der inneren Kommunikation eines Jeden.
Das kommt in meine Bestenliste.
Das Video kann ich leider nicht sehen, bzw. anklicken. Hab nen mac rechner!?!
Bitte sende mir doch den link zu. Danke.

Bei dieser Leiter der Schlussfolgerungen schaffen es immer wieder einige, diese zu umgehen, bzw. die Durchlässigkeiten zu finden.
Jeder Sendende sollte versuchen, den exakten Kanal des Empfängers heraus zu bekommen. Wenn es allerdings viele Empfänger gibt, muss man halt auf allen Kanälen senden, wenn die Botschaft ankommen soll.
Einen schönen Rest 3. Advent an alle!
Gilbert

Kommentar von Christoph Karsten | 17.12.2012

Hallo Mark,
ein schönes Modell, dass etwas Licht ins Dunkel der Entscheidungen unseres Handelns bringt. Es ist aus meiner Sicht aber ergänzungswürdig, da es zwei starke Einflussgrößen nicht, bzw. nur indirekt berücksichtigt: Gefühle und Erfahrungen.
Gefühle beeinflussen jede Stufe ab der 2. und Erfahrungen sind als Ergebnis unseres Handelns auch wichtige Inputs für unser Weltbild und unsere Glaubenssätze und damit wiederum Teil der Basis unserer Annahmen und Schlussfolgerungen.
Ich würde mich sehr freuen, wenn auf dem nächsten wevent Zeit wäre, das etwas zu vertiefen :-)
Bis dahin eine schöne Vorweihnachtszeit, besinnliche Festtage und alls Gute für 2013.
Liebe Grüße,
Christoph

Kommentar von Christine Plaß | 17.12.2012

Das eigentlich interessanteste erklärt die Leiter der Schlussfolgerungen leider nicht. Nämlich wie und warum wir plötzlich Dinge sehen, die wir vorher nie wahrgenommen haben. Oder warum wir auf einmal Schlussfolgerungen ziehen, die nicht unserem gewohnten Denkmodell entsprechen. Wie wir lernen, wie wir uns weiter entwickeln und wie wir sogar grundlegend unsere Meinung ändern können. Das ist uns allen schon passiert, warum sollten andere Menschen nicht auch dazu in der Lage sein? Ich glaube wie Christoph Karsten, dass Gefühle und Erfahrungen die wesentlichen Schlüssel dazu sind.

Kommentar von Martina Thum | 04.01.2013

Hallo Mark und alle anderen,
sehr nette Zusammenfassung Mark, dank dafür.
Ich finde die Unterscheidung zwischen Glaubenssätzen und Theorien wichtig. Über Glaubenssätze sind wir uns nämlich oft nicht bewußt. Sie steuern uns in unserer Wahrnehmung manchmal mehr, als uns lieb ist. Ich fände es interessant, mal eine Methodensammlung anzustoßen, um die eigenen Glaubenssätze ans Licht zu bringen...
Gruß
Martina

Kommentar von Mark Poppenborg | 06.01.2013

Danke Martina. Tatsächlich soll das auch Thema auf unserem Future Leadership Camp sein und gerne auch mal auf dem nächsten Wevent.

Kommentar von Ardalan | 23.01.2013

Als Theoriefreak ist mir folgender Aspekt bei dem Ganzen wichtig: Welche Theorie uns in einer bestimmten Situation lieb und teuer, hängt in weitaus größerem Ausmaß von unseren momentanen Bedürfnissen und Gefühlen ab, als das unserem rationalen Selbstbild geheuer ist.

In der Psychologie kennt man das als "Eine Rationalisierung findet sich immer".

Jeder von uns hat Unmengen von Theorien im Kopf, so dass die Unterscheidung von Theorien und Glaubenssätzen nur begrenzt Sinn macht - vor allem, wenn wir "in Aktion sind". Was eben noch Theorie (bewusst) war, ist im nächsten Moment schon Glaubenssatz (unbewusst). Was eigentlich ein die eigenen Handlungsoptionen einschränkender Glaubenssatz ist, kann locker mal eben zu einer hochvernünftigen Theorie aufgebaut werden.

Der Abstieg und Wiederaufstieg auf der "Leiter der Schlussfolgerungen" kostet Zeit. Diese Zeit nehmen wir uns im Eifer des Gefechts eher selten. Für mich folgt daraus, dass die Institution von Rückzugsräumen im Business extrem wichtig ist. Nur sie bietet die Chance, dass wir aus unserem ständigen "In-the-Box"-sein immer wieder neu herausfinden und unseren Zugang zu den Vielzahl an Möglichkeiten, die jede Situation bietet, offen und lebendig halten (Der Weg die Leiter runter und wieder rauf).

Konkret tun werden wir das aber selbst bei von Unternehmensseite gebotenen Gelegenheiten voraussichtlich nur dann, wenn wir mit unseren Wahrnehmungseinengungen auf handfeste, schmerzhafte Probleme stoßen. Und selbst dann nicht immer. "Blaming" ist immer eine attraktive Alternative... ;-)

Herzlich,
Ardalan