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Wir brauchen mehr Horsts

06.04.2012 von Mark Poppenborg (Kommentare: 2)

Der Gallup Engagement Index 2011

14%
Anteil engagierter Mitarbeiter

Vor zwei Wochen hat das renommierte Gallup Institut die jährlichen Zahlen zu der breit angelegten Mitarbeiter Engagement Untersuchung für Deutschland veröffentlicht. Wie immer ernüchternd. Doch lassen Sie mich mit einem positiven Gegenbeispiel anfangen.

 

Auf dem Future Leadership Camp habe ich von einer Geschichte erzählt, die mich tief bewegt hat. Mein befreundeter und pensionierter Arzt, Horst, hat mir kürzlich von der Zeit erzählt, als er noch eine Praxis hatte. Stellen Sie sich einen dieser Tage vor, wo alles drunter und drüber geht. Die Schlange der Patienten reicht bis zur Tür, das Wartezimmer ist völlig überfüllt, der frische, leicht klinische Praxisgeruch hat sich längst mit dem Geruch angestrengter Menschen gefüllt. Zu allem Überfluss ist eine der Helferinnen krank und als der Abend näher rückt und die letzte Arzthelferin regulär in den Feierabend gehen würde, ist die Schlange immer noch ohne Ende. Horst fragt seine Arzthelferin: "Susanne, ich weiß, dass Du jetzt Feierabend hast. Ich brauche Dich hier aber noch, um unsere Patienten glücklich zu machen. Ich zahle Dir natürlich entsprechend die Überstunden zum Extrasatz. Kannst Du noch etwas länger hier bleiben, bitte?" Susanne guckt etwas verdutzt und sagt: "Unter keinen Umständen werde ich Geld von Dir für etwas annehmen, dass ich aus Überzeugung mache und woran ich Spaß habe. Der Grund, dass ich für diese Praxis arbeiten wollte war immer, weil ich mich hier erfüllen kann und ich das Gefühl habe, einen Beitrag zu leisten. Nicht wegen des Geldes. Natürlich bleibe ich länger." Horst erfuhr am nächsten Tag noch, dass Susanne sogar ihr monatliches Date mit ihrem Freund abgesagt hatte, um in der Praxis zu bleiben.

 

Susanne gehört zu den 14% aller Berufstätigen in Deutschland, die eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber haben und sich stark engagieren (Gallup Studie 2011) - 14 Prozent! Die restlichen 86% aller Menschen haben keine oder nur eine geringe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber. Was für ein unmotiviertes Pack. Die wollen alle gar nicht arbeiten. Wenn die im Lotto gewinnen würden, wären die sofort weg. Wirklich?

Fehlanzeige! Diese Frage hat Gallup nämlich ebenfalls gestellt. Ergebnis: 71% aller Menschen würden bei einem Lottogewinn weiterhin normal arbeiten wollen.

 

Wie so oft gilt: Was Horst über Susanne sagt, sagt mehr über Horst als über Susanne. Menschen wie Susanne, die aus Überzeugung arbeiten wollen, gibt es nämlich viele - 71% eben. Ich persönlich glaube es sind noch mehr. Doch können tun es nur wenige. Denn es gibt zu wenige Horsts - Führungskräfte, die in der Lage sind, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit ihre Mitarbeiter zu den 14% gehören, die sich mit ihrem Arbeitgeber verbunden fühlen und sich deshalb engagieren.

 

Stattdessen arrangieren sich die 86% der Nicht-Engagierten mehr oder weniger gut damit, dass sie eben davon abhängig sind, für eine Gegenleistung ein faires Gehalt zu beziehen. Abhängig sein kommt nicht umsonst von Abhängen. Die meisten Menschen machen dann Dienst nach Vorschrift - Pflichterfüllung. Wären wir ein Billiglohnland mit Routinearbeit, könnten wir zumindest wirtschaftlich damit leben - menschlich natürlich auch nicht - aber es wäre kein ökonomischer Unsinn. Für einen Know-How Standort wie Deutschland ist es jedoch eine absolute Katastrophe. So verbraten wir nämlich jährlich fleissig gut 120 Mrd. Euro (Gallup Studie 2011) für Fehltage, Fluktuationskosten, Unproduktivität, etc.

 

Wenn wir bei intrinsify.me happy working people sagen, dann sagen wir das auch, weil damit happy companies einhergehen. Es braucht nur mehr Horsts.

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Kommentar von Ardalan | 05.06.2012

Vielen "Horsts" sitzt in einem Großteil der ebenfalls sehr realen Wirtschaftswelt ein "Kevin" im Nacken - Soll heißen: Die Besitz- und Unternehmensstruktur hat nach meiner Einschätzung Folgen dafür, was in Sachen gute Führung und vertrauensvolle Zusammenarbeit möglich ist. Vor allem das Interesse oder eben Desinteresse der "Eigentümer" eines Unternehmens daran, wie gewirtschaftet wird (und nicht nur: Was sind die Zahlen in diesem und vielleicht noch im nächsten Quartal?) hat weitreichende Folgen für die Möglichkeit, eine gute Unternehmenskultur aufzubauen. Das heißt für mich: Ja, ja, ja! Wir brauchen mutige Führungskräfte, wir brauchen mutige Mitarbeiter, die nur selbstbestimmt arbeiten wollen und Unternehmen die kalte Schulter zeigen, wenn sie ihnen das nicht ermöglichen. Wir brauchen aber auch "Investoren" und Firmenbesitzer, die daran interessiert sind, wie in "ihrem" Unternehmen geführt wird und einen Schritt davor: Die überhaupt eine persönliche Bindung an das Unternehmen haben, das sie - meist anteilig - besitzen. Das Desinteresse vieler Anleger daran, wie ihre Rendite eigentlich zustandekommt (oder eben nicht) und welche ganz realen (und oft banalen) Umgangsformen im unternehmerischen Miteinander dahinter stecken, ist eine dritte Säule, bei der man ansetzen kann, wenn man verändern will, wie gewirtschaftet wird und ob wir mehr von dem bekommen, was man von mir aus "happy economy" nennen kann.
These: Den Zahlen ist es egal, wie sie sich entwickeln, aber ein Investor, der weiß, was sein Investment bewirkt (in die Welt bringt) und was sein Geld so treibt, während er etwas anderes tut, ist ein glücklicherer Investor. Die GLS Bank z.B. ist ein Anfang, um so ein Wirtschaftsmodell zu stärken. Und ich bin sicher, von dieser Art gibt es bereits heute viele weitere Initiativen.
Grüße,
Ardalan

Kommentar von Mark Poppenborg | 07.06.2012

Hallo Ardalan,

volle Zustimmung. Danke für die Ergänzung. Ich glaube auch, ohne die passenden Gesellschafter kann es ein System wie wir es bewerben überhaupt nicht geben.

Wenn ich da nur an die vielen aufgekauften Unternehmen denke ("Heuschrecken-Alarm"). Letztens sprach ich noch mit einem GF, der genau dieses Führungssystem und den dazu passenden Führungsstil bei sich will. Ihm sind aber durch die Gesellschafter die Hände gebunden und die kurzfristigen Interessen überwiegen.
Da macht ein Projekt mit uns auch keinen Sinn.

Grüße,
Mark