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Das Demokratische Unternehmen: Wieso es nicht funktionieren kann

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Bildnachweis: © mtr980 – depositphotos.com

Demokratie in Unternehmen kann nicht funktionieren und ist eine romantische Denkillusion.

Volksentscheid. Bürgernähe. Faire Abstimmung und Interessenvertretung. Demokratische Errungenschaften sind ein Segen. Sie sichern die Einhaltung der Menschenrechte. Sie schicken die Willkür vom Platz. Und sie lassen uns friedlich aufwachsen. Gott sei Dank! Denn demokratische Staaten führen keine Kriege. Selten jedenfalls.

Demokratie hat auch etwas Wild-Romantisches. Für Demokratie wurden Säbel geschwungen, Barrikaden gebaut und leidenschaftliche Lieder verfasst. Demokratie ist ein Wert an sich. So ist es nicht verwunderlich, wenn wir sie in all unsere Lebensbereiche tragen wollen.

Fair soll es zugehen, keiner soll untergebuttert werden. Nicht im Sandkasten. Und auch später nicht, im Berufsalltag.

Und so ist uns auch bei intrinsify.me bei unseren Gedankenexperimenten zur neuen Arbeitswelt sicher das eine oder andere Mal das Wort „Demokratie“ über die Lippen gerutscht.

Beispielsweise, wenn wir der Zentralisierung der Entscheidungsgewalt im Unternehmen eine Absage erteilen und die Entscheidung in die Peripherie verlagern wollen.

Was für Kinder gut ist, kann für Erwachsene nicht schlecht sein?

Was für Gesellschaft und Politik passt, passt auch für Wirtschaftsunternehmen?

Was passiert denn, wenn Unternehmen jetzt das Demokratie-Konzept 1:1 auf ihre Entscheidungsfindung übertragen? Was passiert, wenn sie auf die Idee kommen, über Entscheidungen abzustimmen?

Dann setzen sich alle in einen Kreis. Alle, die in irgendeiner Form mit der Sache zu tun haben. Denn Beteiligung ist Pflicht in moderner Unternehmensführung. So, und dann wird debattiert – solange, bis sich die Truppe in der Lage fühlt, über die Entscheidung abzustimmen. Das macht alles unfassbar langsam.

Die Mehrheit gewinnt. Und irgendwie sind die Emotionen andere als beispielsweise bei einer Bundestagswahl. Die Entscheidungsgewinner gehen mit übergroßem Ego aus dem Raum, die „Verlierer“ fühlen sich irgendwie nicht gut. Die Akzeptanz für den Mehrheitsentscheid fehlt in der Regel.

Soweit so nervig. Aber es kommt noch schlimmer…

Demokratie verhindert Kriege. Und Innovation.

Nehmen wir mal an: Bei einem Maschinenbauer steht eine Entscheidung an. Ein neues Bauteil soll in einer Maschine verbaut werden. Es wird nun ein Gremium zusammengestellt, das aus Repräsentanten der verschiedenen Gewerke besteht.

Jeder geht mit seinen ureigenen Annahmen und Interessen auf den Platz. Manche rechnen damit, dass man aufgrund des geringeren Kaufpreises deutlich Geld einsparen kann. Andere schätzen vor allem den Vorteil der besseren Verbaubarkeit, die geringere Qualität wird in Kauf genommen, weil es beim Kundeneinsatz nicht zu Problemen kommen dürfte. So hoffen manche, andere nicht.

Es wird lange diskutiert. Über die Festigkeit des Bauteils und über die möglichen Folgen im Einsatz. Aber am Ende ist klar, es wird mit Spekulationen jongliert. Letztlich weiß es keiner der Beteiligten wirklich. Solange nicht, bis man es ausprobiert.

Schließlich wird abgestimmt, oft übrigens auch implizit. Einfach indem genügend viele sich in ihren Wortbeiträgen dafür aussprechen. Und dann hat man den allseits bekannten Konsens durch Ermattung. Sagen wir in unserem Beispiel fällt die Entscheidung knapp dafür aus.

Zwei Monate später treten die ersten Kundenbeschwerden auf. Offensichtlich hat man sich geirrt.

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Bildnachweis: © Mehr Demokratie – flickr

Jetzt beginnt das Schuld-Ping-Pong. Wer hat sich geirrt? Die Truppe verliert sich in Rechtfertigungen.

Und wer lernt aus der Sache? Die Crux an solch einer Entscheidung: Ein demokratisches Gremium wie dieses kann nicht lernen. Lernen können nur Individuen. Also lernt jetzt jeder für sich.

 

 

Meyer denkt: ‚Ok, wir hätten den anderen Lieferanten nehmen sollen‘. Und Müller denkt: ‚Man hätte das Teil ruhig verbauen können, allerdings mit festeren Schrauben‘.

So lernt jeder das, was er will. Aber es entsteht kein gemeinsames Lernen. Das heißt, niemand ist nun wirklich schlauer. Innovation? Fehlanzeige.

Bei der nächsten Abstimmung werden sich höchstens die Verhältnisse verschieben, aber Innovation kann nicht entstehen.

Also demokratische Entscheidungen im Unternehmen: sind langsam, ziehen Schuldzuweisungen nach sich, verhindern Innovation. Noch was?

Ja, einen haben wir noch: Die Verantwortung kommt zu kurz. Das wiederum kennen wir aus den politischen Prozessen. Am Ende gibt es in jedem Fall nur Sieger. Die, die dagegen waren, können sagen, dass sie dagegen waren. Die sind raus aus dem Schneider.

Und die, die dafür waren? Auch die finden eine Hintertür. Denn sie hatten schlicht andere Annahmen, als die diskutierten. Jetzt wird wieder irgendwas diskutiert, aber das Gremium gemeinsam ist kein Stück schlauer.

Demokratie ist in keiner Weise anders als formale Steuerung durch einen Vorgesetzten. Es ist die Steuerung der Masse. Klar, man mag sich gemeinsam vormachen, dass diese Art der Entscheidungsfindung schöner oder fairer ist. Doch Wirtschaft interessiert sich nicht für Schönheit oder Fairness.

Wirtschaftlich macht Demokratie im Unternehmen überhaupt keinen Sinn. So gerne sich das manche Advokaten der neuen Arbeitswelt auch moralisch wünschen mögen. Es wäre doch so schön: ein demokratisches Unternehmen. Sinn macht es aber keinen. Denn die Steuerung der Masse ist langsam, ineffizient und nicht geeignet mit Dynamik umzugehen, weil sie nicht lernt.

Besser: Einer macht‘s.

Und jetzt? Jetzt werfen wir mal diesen Zwang, alle zu beteiligen, alle einzubinden, über Bord. Jetzt trifft einer die Entscheidung. Und zwar der, der es kann. Nicht der, der die formale Macht hat und sich nur das Beteiligungsmäntelchen umbindet.

Und wer das im Einzelfall ist, bestimmt die Gruppe. Sie sucht die Person, die für dieses Problem ein Talent hat. Das ist in der Organisation meist bekannt, lässt sich schnell ausmachen und konfliktarm zuteilen.

Damit wir jetzt nicht der Willkür wieder Tür und Tor öffnen – denn das will ja auch niemand – ist der Entscheider gezwungen, sich vor der Entscheidung immer ausreichend zu beraten.

Das Ganze nennt sich „Konsultativer Einzelentscheid“. Wir hatten ihn in unserem Blog schon einmal thematisiert. Und so geht’s:

  1. Gibt es etwas zu entscheiden, wird zunächst geklärt, wer die Entscheidung trifft. 
  2. Wenn der Entscheider klar ist, hat dieser die Pflicht, andere zu konsultieren. Doch Konsultation meint hier auf gar keinen Fall: Segen abholen! Denn dann geht die Verantwortung ja wieder auf den kollektiven, letztlich nie wirklich greifbaren, Mob über. Konsultation bedeutet Hinweise geben, Fragen stellen, andere Blickwinkel öffnen – solche, die der Entscheider vielleicht noch nicht hatte.
  3. Nach zwei bis drei, gerne auch mehr, Konsultationen entscheidet der Entscheider und kommuniziert mit seiner Entscheidung auch immer, wen er konsultiert hat.

Gehen wir noch einmal zurück zu unserem Maschinenbauer. Wenn jetzt also die Entscheidung in Sachen „neues Bauteil“ ansteht, dann entscheidet die Gruppe, wer der fähigste Mann bzw. die fähigste Frau für diese Entscheidung ist.

Dann legt der Entscheider los. Er spricht mit dem Konstrukteur, mit dem Einkäufer. Er konsultiert den Produktioner und vielleicht auch noch den Qualitätsverantwortlichen. Dann hat er ein feines Informationspaket, mit wertvollen Impulsen und Hinweisen. Er wertet aus. Und er entscheidet.

Und dann wird es gemacht. Und dann wird daraus gelernt. Und jetzt kommt’s: Hier lernt nur einer. Der Entscheider. Er hat sich nach bestem Wissen informiert, sämtliche Facetten der Entscheidung beleuchtet.

Im Falle eines Scheiterns kann der Entscheider jetzt verantwortlich reagieren. Er kann ganz konkrete Annahmen korrigieren – nicht nur die für seinen ureigenen Bereich, sondern umfassend. Denn er hat ja auch umfassend entschieden. Mit diesen Korrekturen kann er die nächste Entscheidung treffen. Und noch eine und noch eine. Und irgendwann entsteht etwas, das funktioniert. Und das nennt man Innovation.

Es gibt keine Rechtsform „Demokratie“. Aus gutem Grund.

Auch wenn also in unserer Gesellschaft Demokratie nicht wegzudenken – und höchst erstrebenswert – ist, so taugt dieses Konzept doch nicht für Entscheidungen im Unternehmen.

Warum ist uns das so wichtig?

Happy working people und neue Ansätze in der Arbeitswelt dürfen nicht in die Idealisierungsfalle tappen: Was wir hier toll finden, muss da auch klappen. Was wir aus der Politik schätzen, übertragen wir blind auf Unternehmen. Das führt nur zu Chaos und Frustration.

Happy working people kommen zustande, wenn der Handlungsrahmen zum Problem, also zur Umwelt passt. Dann macht Arbeit Spaß und fühlt sich wirksam an. Das heißt: Weder kompletter Verzicht auf Hierarchie, noch rigide Steuerung. Mal ist das eine richtig, mal das andere. Und mal ist es ein Zwischending.

Alles kann. Nichts muss. Für mehr happy working people!

Verpasse keine neuen Beiträge und werde zum Experten der Neuen Wirtschaft

Geschrieben von

Blogauthor Mark Poppenborg intrinsify.me
Mark Poppenborg

Mark ist der Gründer von intrinsify.me. Mark erforscht seit Jahren eine Vielzahl von Pionier-Unternehmen, die radikal neue Wege in der Führung bestreiten. Seine tiefgreifenden Erkenntnisse führt er auf innovative Weise in seiner Beratungsarbeit, Seminaren und Speaker-Auftritten der Wirtschaft zu. Mark ist ebenfalls Gründer der Future Leadership eAcademy und eines Online Business (Paleo Jerky), das sich unter seiner Führung zum deutschen Marktführer für gesundes Beef Jerky entwickelte. Insofern ist er nicht nur Vordenker sondern auch Vormacher der neuen Arbeitswelt.

Erschienen am

Freitag, 17. Juli 2015

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8 Kommentare auf "Das Demokratische Unternehmen: Wieso es nicht funktionieren kann"

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Stephan Roth
Gast
Demokratie ist lediglich ein abstrakter Oberbegriff für eine Vielzahl unterschiedlichster Mitbestimmungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten eines Staatsvolks bei politischen Fragestellungen und Entscheidungen. Wie das im Konkreten ausgestaltet ist, ist sehr unterschiedlich. So hat Deutschland eine repräsentative parlamentarische Mehrparteien-Demokratie als Regierungsform (repräsentativ = vom Volk gewählte Vertreter), wogegen die Schweiz eine Konkordanzdemokratie hat, bei der durch Plebiszite das Volk ein weitreichendes Mitspracherecht hat. Übertragen auf ein Unternehmen/eine Organisation bedeutet Demokratie: es existieren – in irgendeiner Form – Mitbestimmungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten für die Mitarbeiter bei unternehmerischen Fragestellungen und Entscheidungen. Vor diesem Hintergrund ist die Aussage, dass Demokratie in Unternehmen nicht funktionieren kann, schlichtweg falsch.… Read more »
Ardalan
Gast
Hallo lieber Mark, geht es Dir wirklich vor allem darum, dass wir das Wort „Demokratie“ in Unternehmen nicht benutzen? Oder doch eher um etwas anderes? Ich bin in ein bisschen verwirrt über den Artikel, weil mir bisher keine Menschen begegnet sind, die diese Hauruck-Übertragung aus der Politik in die Wirtschaft wirklich machen? Gibt es die wirklich? – Die meisten Menschen, die ich kenne, finden eher, dass Politik selber nicht gut funktioniert, ermüdend, unproduktiv, zu viel Show und ziemlich gewaltvoll ist, und würden schon von daher dort keine Anleihen für Unternehmen machen wollen. Daher die Frage, ob Du wirklich solche Menschen… Read more »
Mark Poppenborg
Gast

Eure Antworten gehen ein bisschen an meiner Aussage vorbei, finde ich. Mir geht es ja hier insb. um demokratische Entscheidungen inhaltlicher Natur und das ist schon ohne das Wort „Demokratie“ ständig an der Tagesordnung. In fast jedem Meeting gibt’s den Konsenskater. Siehe mein Beispiel von oben. Man wartet, bis es eine Mehrheit für irgendwas gibt. Und am Ende hat keiner entschieden. Das Problem hierbei ist, dass es kein Lernen geben kann, aus dem Nutzen entsteht.

Dass ich mit dem Titel polarisiert habe, stimmt natürlich, Stephan. Das ist so nicht ganz korrekt, dafür regt es aber erstmal zur Diskussion an;)

Ardalan
Gast
Hallo Mark, Danke Dir für die Erläuterung. Verstehe ich Dich dann richtig, dass es Dir in diesem Artikel vor allem darum geht, dass es in Unternehmen Fortschritte in Sachen „Lernen“, Klare Verantwortlichkeiten und vor allem Effizienz geht? Und: Dass all das aus Deiner Sicht auch schon ohne „Unternehmensdemokratie“ oft viel zu kurz kommt? – Und dass Du in Sorge bist, dass ein eventueller Demokratie-Hype in Unternehmen „mehr vom selben“ produziert, was da ist, vielleicht ergänzt um noch eine Dosis mehr an Frustration, Ernüchterung und Zynismus, was Beteiligungsprozesse angeht? Mich selber beunruhigt eine Passage wie diese nach wie vor etwas: „Und… Read more »
Frank Widmayer
Gast
Danke für diesen Beitrag! Aber leider strotzt der nur so von Annahmen und unbewiesenen Behauptungen, unzulässigen Verallgemeinerungen etc. etc. Zuallererst hätte der Begriff „Demokratie“ mal vernünftig definiert werden müssen. Denn DIE Demokratie gibt es nicht und deswegen kann man auch nicht einfach so behaupten, dass „die Demokratie“ im Unternehmen nicht funktionieren kann. Da muss man sich schon differenzierter damit auseinander setzen und Konzepte und Methoden in der Umsetzung einer demokratischen Grundhaltung (eben z.B. Entscheidungskultur und entsprechende Methoden) beleuchten. Denn wenn „die Demokratie“ nicht funktioniert, was ist denn dann die Alternative? Anarchie? Diktatur? Monarchie? Oligarchie? Meritokratie? Denn auch die gibt es… Read more »
RalfLippold
Gast
Ein durchaus spannendes und gleichermaßen kontroverses Thema in einer Arbeitskultur, die seit Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten hierarchisch geprägt ist. Zu klären was unter „Demokratie“ im Unternehmenskontext ist ebenfalls eine Herausforderung. Ist es bereits die Antwort auf eine Frage, die möglicherweise noch gar nicht gestellt worden ist? Was ist der Schmerzpunkt dessen das Thema zur Sprache gekommen ist? Bevor ich weiterschreite interessiert mich, was andere Mitlesende dazu schreiben. Auf alle Fälle ist das Thema relevant in einer sich ständig und immer schneller verändernden Arbeitswelt in der nicht mehr nur einer (oder eine) [Boss] entscheidet, sondern immer mehr auf Individuen und Gruppen verlagert… Read more »
Mark Poppenborg
Gast

Für alle die bis hierher gekommen und weiterhin neugierig sind, empfehle ich die Fortsetzung dieses Artikels auch als Antwort auf die Kritik: https://intrinsify.me/Blog/items/eine-systemtheoretische-betrachtung-von-demokratie-im-unternehmen.html

C.G.BRANDSTETTER
Gast

Hallo Herr Poppenborg,
die kritische Theorie der Frankfurter Schule hält nun auch verstärkt Einzug in Wirtschaftsunternehmen.
Das geht sich freilich nicht aus.

Hinsichtlich Kritik zu „demokratischen Unternehmen“ auch das „Politisierungsdilemma“ von Stefan Kühl (https://de.wikipedia.org/wiki/Politisierungsdilemma).

Freundliche Grüße aus Wien!

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