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Der Trend um die fliegende Kuh

Wie Konzerne sich vor tiefgreifendem Wandel drücken

Konzerne sind alteingesessen, sie sind in Entwicklungsprozessen etwas schwerfälliger, sie hinken dem Wettbewerb dank Digitalisierung und Co. ein bisschen hinterher … ja, die üblichen Klischees rund um die behäbigen großen Konzerne kennst Du mit Sicherheit. Ich habe allerdings eine Mode beobachtet, die nicht nur die überdimensionalen Riesen ab fünftausend Mann aufwärts betrifft. Nein, schlicht und einfach große Unternehmen jeder Art lieben sie abgöttisch: Trends.

Lean Management, Design Thinking, Feelgood Management, Working Out Loud … Hauptsache neu, Hauptsache agil.

Bei dieser Trendliebe bleibt mir nur ein Rückschluss übrig: Konzerne sind unheimliche Entwicklungs-Drückeberger.

Der Haken an der Norm

Dass sie überhaupt zu Konzernen geworden sind – mit hunderten, vielleicht tausenden Mitarbeitern, mehreren Firmensitzen, meist auch Standorten im Ausland – beweist ja zunächst einmal nur eins: Sie konnten vorbildlich wachsen, weil sie sich optimal darauf spezialisiert haben, Dienstleistungen oder Produkte für die Masse herzustellen. Will heißen: Sie sind Profis darin, Wertschöpfung der Norm zu organisieren . Und darin liegt ihre große Stärke: Konzerne können ihre Prozesse so routiniert gestalten, dass sie Anfragen aus dem Markt störungsfrei und kostengünstig abarbeiten können. Andersrum passt das auch: Weil sie es so hervorragend hinbekommen haben, ihr Angebot in großen Mengen herzustellen und zu vertreiben, sind sie in der Vergangenheit groß geworden. Bravo!

Mit einem Haken: Was, wenn eine Überraschung um die Ecke kommt?

Lass mich Dir ein Beispiel aus der Luftfahrt geben, das mir unser Mitglied Daniel Ewers neulich erläutert hat: Die zivile Luftfahrt (also der Flugbetrieb an sich, keinesfalls das Business drumherum) ist rigoros auf die Wertschöpfung der Norm ausgerichtet. Jeder Handgriff, jedes Manöver, jedes Vorgehen vom Bereitstellen der Maschine bis zum Einsteigen des letzten Passagiers ist in Listen, Regelbüchern, Anweisungen und Checklisten penibelst dokumentiert. Bevor ein neuer Flughafen in das Programm aufgenommen wird, werden unzählige Prüfprozesse durchlaufen. Um die Rollfelder herum stehen massive Zäune, um selbst Tiere von dem hermetisch abgeriegelten Gelände fernzuhalten. Denn würde plötzlich eine Kuh aufs Rollfeld spazieren – ja, dann müsste ja der Mensch eingreifen! Das kann er zwar, denn er trainiert hart und ist gut vorbereitet. Aber dennoch: Menschen machen Fehler und begehen Irrtümer. Nein, nein, lieber nicht.

Wie sich Konzerne vor tiefgreifendem Wandel drücken

© depositphotos.com – SimpleFoto

Wir müssen draußen bleiben

Im Luftfahrtbetrieb wird also mit Unmengen von Geld dafür gesorgt, Überraschungen bestmöglich aus dem System draußen zu halten. So bleiben nur geschätzt weit weniger als 1% der Fälle über, in denen keine Checkliste mehr passt und der Mensch zwingend eingreifen muss.

Ich habe den Eindruck, dass viele Konzerne die gleiche Taktik verfolgen – mit dem Unterschied, dass Du Überraschungen in der Wirtschaft heute schlicht nicht draußen halten kannst!

Natürlich kann ein Konzern seine Kunden beispielsweise mit tollen Angeboten bestmöglich zu beeinflussen versuchen und es damit so manchen Überraschungen – also Wettbewerbern – schwer machen in den Markt zu kommen. Aber die Märkte werden zunehmend global, offener, liberaler. Neue Ideen können dank der fortgeschrittenen Technisierung mit minimalem zeitlichem und finanziellem Aufwand erprobt werden. So mischen immer mehr Start-ups, Kleinstfirmen und zuvor nie überlebensfähige Wettbewerber am Markt mit.

Auf ihre große Kraft, Wertschöpfung der Norm zu organisieren , können Konzerne in diesem Kontext nicht länger bauen.

Für mich gibt es da nur eine Lösung: Konzerne müssen lernen, mit Überraschungen umzugehen. Aber bitte, bitte nicht mit den Mechanismen, mit denen sie bis dato die Norm behandelt haben! Das käme dem Versuch gleich, per Checkliste das Problem lösen zu wollen, wenn eine Kuh auf die Landebahn spaziert. Bis der Unter-Unter-Unter-Punkt im Unter-Unter-Kapitel des dritten Zusatzparagrafs der vierten Ergänzung des Regelhefts für diesen Sonderfall gefunden ist, wäre die Kuh wahrscheinlich schon längst überrollt und die Passagiere der Übeltätermaschine gleich mit gestorben.

Und damit wären wir beim Thema: Was tun Konzerne, wenn ihre alten Checklisten und Regelbücher bei der x-ten Überraschung nicht mehr greifen? Dreimal darfst Du raten. Richtig! Wenn die Kuh auf dem Rollfeld das Problem ist, treiben wir doch am besten auch gleich noch eine Sau durchs Dorf. Oder anders formuliert: Zeit, auf Managementtrends zu bauen und damit hoffen, auf jegliche Überraschungen adäquat zu reagieren!

War doch wichtig!

Ich beobachte zunehmend, dass Konzerne wie wild Initiativen starten und sich rasend schnell neue Moden ausbreiten. Vor allem alle Spielarten agiler Ideen finden derzeit großen Anklang in der Konzernlandschaft. Schauen die Initiatoren dann zwei Jahre später auf den Effekt des eilig eingeführten und verfolgten Trends, müssen sie nicht selten feststellen: Hmm, viel gebracht hat’s eigentlich nicht.

Ich habe da eine Erklärung soziologischer Natur anzubieten: Der Konzern lenkt sich erfolgreich ab.

Die Ausgangslage ist dabei keine andere als bei Dir privat. Stell Dir vor, Du liegst seit Wochen im Klinsch mit Deinen Eltern. Der Konflikt zwischen euch hat sich mittlerweile so weit hochgeschaukelt, dass ihr endlich darüber reden müsst, wenn ihr weiter vernünftig miteinander auskommen wollt. Bei einem gemeinsamen Abendessen ergibt sich endlich die Gelegenheit dazu, ihr sitzt alle am Tisch und seid bereit, endlich ›ans Eingemachte‹ zu gehen – da fliegt die Tür auf und Deine Lieblingsschwester platzt mit einem ganz anderen Thema herein: Sie hat sich von ihrem Freund getrennt. Was passiert? Klar, plötzlich steht das neue Thema im Mittelpunkt der Kommunikation. Das ist ja auch so schön anschlussfähig, da kann man so toll drüber reden! Hilfreich ist es überdies auch, es fühlt sich sinnvoll an. Und das ist allen auch nur zu recht, weil sie damit hinauszögern können, über die brenzlige Sache zwischen ihnen zu sprechen.

Das eigentliche Thema kippt also hintenüber, während Du einen ganz anderen Nutzen aus der Situation ziehst: Du gewinnst Zeit – und fühlst Dich trotzdem gut, denn Du hast ja über etwas Wichtiges geredet.

Mit Domspatzen gegen Kühe

Nicht anders handeln Konzerne, die sich auf neue Trends stürzen. Da steckt so viel positive Energie drin, da kann man Seminare und Fortbildungen besuchen, das motiviert und belebt! Herrlich!

Aber reicht das? Mein fünfjähriger Sohn singt im Kindergartenchor – und da ist auch sooo viel Energie drin, er kommt immer ganz angeregt aus der Probe! Den Regensburger Domspatzen wird der Chor deswegen aber noch lange keine Konkurrenz machen. Denn Energie allein (was damit auch immer ganz genau in diesem Zusammenhang gemeint ist) ist noch lange kein Hinweis auf die Qualität und Wirkung, die dabei herauskommt.

So geraten auch eifrig und mit Energie verfolgte Trends in Konzernen zu intelligenten organisationellen Ablenkungsmanövern. Ablenkung vom eigentlichen Thema, das der durchschnittliche Konzern lieber noch ein bisschen hinauszögert: nämlich ein tiefgehender organisationeller Wandel.

Ich möchte Dir deshalb vorschlagen, Dein eigenes Unternehmen einmal unter die Lupe zu nehmen. Existiert auch dort das Muster, sich mit Trends vom eigentlich Wichtigen abzulenken? Und bitte personifiziere Deine Recherche nicht im Sinne von: „Oh ja, da haben die Personaler wohl mal wieder eine Sau durchs Dorf getrieben.“ Sondern eher: „Stimmt, da sind viele von uns auf ein Thema aufgesprungen, weil wohl eine gewisse Energie drinsteckte.“

Wenn Du damit fertig bist, kannst Du Dir dann gerne dieselbe Frage stellen wie ich mir: Wie lange wollen manche Konzerne sich eigentlich noch ablenken vom eigentlich wichtigen Gespräch mit ihren Eltern?

Konzerne brauchen einen echten organisationellen Wandel, keine Wadenwickel und nicht die bloße Vertreibung der Kuh vom Rollfeld.

Vertiefung gewünscht?

Am 10. November findet in Frankfurt unser 1. Konzern-Wevent statt, zu dem wir exklusiv Konzern-Mitarbeiter einladen. Noch haben wir 12 Plätze frei.

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Geschrieben von

Blogauthor Lars Vollmer intrinsify.me
Lars Vollmer

Lars ist der Gründer von intrinsify.me. Er ist promovierter Ingenieur und Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Lars lebt vorwiegend in Barcelona und schreibt Wirtschaftsbücher, wenn er nicht gerade für intrinsify.me unterwegs ist oder auf Kongressen und Unternehmensveranstaltungen Keynotes hält.

Lars ist Gründer der Future Leadership eAcademy und führte 1999-2014 sein Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffczyk nicht nur zu einem unserer happy working places, sondern auch zu einem der angesehensten Beratungsunternehmen für den Neuen Maschinenbau. Sein aktueller Bestseller »Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden« ist erschienen beim Linde Verlag, 2016.

Erschienen am

Donnerstag, 12. Oktober 2017

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2 Kommentare auf "Der Trend um die fliegende Kuh"

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Christine
Gast

Danke Lars, wieder ein toller Artikel.
Aber wie kann als Teil des Ganzen, sehen, dass ich versuche neue Trends zu verwenden, um die wichtigen Themen nicht anzusprechen? Hinterfragen kann ich das nur, wenn ich aus dem „Trudel“ rauskomme. Das ist aber schwierig wenn ich mittendrin in diesem „energiereichen Trudel“ stecke?
Und wenn ich es schaffe mich „freizuschwimmen“, wie kann ich andere mitziehen?

Karl Leinstein
Gast

Sehr tolle Analyse und Beschreibung ! Zeit, dass Unternehmen und Konzerne und deren Mitarbeiter, vor allem das Management, komplett anders denken lernen.

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