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Wie unsere Gesetzgebung im Industriezeitalter feststeckt

Der Zug in Richtung Neuer Arbeitswelt ist abgefahren

Bildnachweis: © macrovector – depositphotos.com

Der Bahnsteig an Gleis 15 ist proppenvoll: Die anwesenden bestens gelaunten Unternehmer, Gesetzgeber und Politiker ziehen mächtig viel Gepäck hinter sich her. Den abgegriffenen Koffern nach zu urteilen, schultern sie Relikte. Sie haben wohl nach wie vor nicht erfasst, dass der Zug in Richtung Zukunft heute bereits abgefahren ist – zumindest die Bahn, die Kurs auf die neue Arbeits- und Wirtschaftswelt genommen hat.

Wenn ich dieses Szenario so beobachte, haben die säumigen Fahrgäste ihr Übergepäck mit Gesetzen bestückt, die vor zig Jahren erstellt wurden, und Regularien eingepackt, die irrsinnige Managementpraktiken in Unternehmen nach sich ziehen. Up to date sieht anders aus.

Das Gesetz hat NICHT immer Recht!

Die streng dreinschauenden Vertreter aus dem Arbeitsministerium etwa schleppen an dem Arbeitszeitgesetz und der darin fein säuberlich – und sicher wohl überlegt – eingearbeiteten »One-size-fits-all-Logik« extrem schwer. Es sollen ja alle gleichbehandelt werden. Ihre Reisebegleitung sind gewohnheitsliebende Unternehmen, die sich gerne hinter dem Arbeitszeitgesetz verstecken. Ein immer noch beliebtes Standardargument von Führungskräften und Unternehmern: »Wir sind von Gesetzes wegen dazu verpflichtet.«

Klar, die 10-Stunden-Regelung sollten Unternehmen einhalten, damit sie keine Ordnungswidrigkeit begehen und vielleicht noch ein Bußgeld von bis zu 15.000 Euro(!) berappen müssen. Soweit der wahre Kern dieses Standardarguments. Nur in dieser ausgelegten Eindeutigkeit schreibt das Arbeitszeitgesetz die Regelung nicht vor. Da steht nämlich, dass das Arbeitszeitgesetz nicht für leitende Angestellte Anwendung findet – also »Angestellte, die zu selbständigen Entscheidungen in Personalangelegenheiten befugt sind, die Prokura haben oder die weitreichende betriebliche Entscheidungen frei von Weisungen treffen dürfen.« Das Gesetz lässt also auch in der freien Wirtschaft Ausnahmen zu.

Zum Leidwesen der Unternehmen, die den Zug in die neue Arbeitswelt genommen haben, endet der Handlungsspielraum genau dort. In den Paragraphen sind keine Ausnahmebestimmung zu finden, die sich auf die immer häufiger werdende Projektarbeit beziehen.

Das Projektteam darf natürlich eigenverantwortlich arbeiten, um das Problem zu lösen. Aber bitte nicht über 10 Stunden und keinesfalls ohne 11 Stunden durchgehende Ruhezeit – schließlich sind die Projektmitglieder keine leitenden Angestellten im Sinne des Gesetzes. Eigenverantwortlich das Projekt rocken? Naja … So sicher nicht!

Wer hat wirklich die Macht?

Die Verfechter der Arbeitszeitbeschränkung verteidigen dieses Schutzgesetz, weil Arbeitnehmer grundsätzlich schutzbedürftig sind. Klingt erstmal gut und richtig. Wie immer kommt jetzt das Vollmersche Aber: Stimmt das Wörtchen »grundsätzlich« tatsächlich noch – diesen Schutz haben doch gar nicht alle Angestellten nötig.

Für sehr viele industriell geprägte Arbeitsplätze, für die das Arbeitszeitgesetz ursprünglich mal eingeführt wurde, ist eine solche Regelung unumstritten sinnvoll. Zum einen weil diese Arbeitsplätze hohen Belastungen ausgesetzt sind und weil – wenn auch von Gebiet zu Gebiet unterschiedlich – die Machtverhältnisse noch so sind wie vor einigen Jahrzehnten: Manch ein Schweißer findet sicherlich nur wenige alternative Arbeitsplätze in einem Umkreis von sagen wir 100 Kilometern. Bestünde der Schutz nicht, würde er womöglich in den saueren Apfel beißen und trotz täglicher 14-Stunden Schichten weitermachen. Ich halte es für eine große Errungenschaft unserer Rechtsstaates, dass solche Praktiken gesetzwidrig wären.

Aber die Arbeitswelt hat sich dramatisch ausdifferenziert, die Vielfalt ist nahezu explodiert in den letzten 2-3 Jahrzehnten. Beispielsweise sieht für manch einen Münchener IT-Spezialisten die Machtverteilung auf dem Arbeitsmarkt schon anders aus. Ein passabler Entwicklungsingenieur wird in Softwareunternehmen zuhauf gesucht. Ergo wird er den Job wechseln, wenn sein Chef von ihm verlangt, jeden Tag 15 Stunden zu arbeiten und er dies nicht möchte. Der kann sich wie das Gros der überwiegend geistig arbeitenden Bevölkerung somit selbst schützen – und: könnte seine Arbeitszeit ohne Gesetzeskorsett viel freier, entsprechend seiner Projekte einteilen.

Dazu kommt, dass die Arbeitsorganisation neue Realitäten angenommen hat. Wir beobachten allenthalben Projektteams, die sich selbstorganisiert einem Kundenproblem widmen und das sich nicht an den deutschen Arbeitsschutzkalender hält. Es gibt Projektspitzen und -täler. Phasen intensivster und stressvollster Problemlösung. Dann spielt plötzlich Geschwindigkeit eine Rolle und man würde gerne bis spät in die Nacht zusammensitzen dürfen. Und das Motiv ist nicht primär der Zwang durch den juristischen Arbeitgeber, sondern die Lust an der gemeinsamen Problemlösung für den wirtschaftlichen Kunden. Das macht Spaß und findet de facto auch heute schon in vielen Fällen genauso statt – Arbeitsschutzgesetz hin oder her.

Neue Arbeitsrealität trifft auf verstaubte Argumente

Mit meinen Gedanken rufe ich selbstverständlich auch die Freunde der Gesundheits- und vor allem Burnout-Prävention auf den Plan …

Nur, ist Arbeit heute wirklich so viel ungesünder als früher, dass die Maximalarbeitszeit im Laufe der Zeit auf zehn Stunden reduziert werden musste? Will mir tatsächlich einer weiß machen, dass eine regelmäßige Arbeitszeit von 16 Stunden krank macht? Mit Verlaub, dann hätten wir kaum mehr Selbstständige und Freiberufler – die wären nämlich alle krank! Dass Erschöpfungskrankheiten schlicht nicht allein von der Menge der Arbeitszeit kommen, sondern dies ein multifaktorelles Spiel ist, dürfte ebenfalls hinlänglich bewiesen sein. Diese Argumente hinken allesamt – wahrscheinlich haben die Gesetzesympatisanten deshalb den Zug in die neue Arbeitswelt verpasst.

Nicht nur das Arbeitszeitgesetz passt nicht mehr zu den Alltäglichkeiten der heutigen Arbeitsrealität. Auch die Vertreter der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) verharren an Gleis 15 und haben den Zug mit der Destination Realität verpasst.

Anders kann ich mir sonst nicht erklären, warum die Behörde die Finanzdienstleistungsunternehmen mit unsinnigen Managementpraktiken von der wertschöpfenden Arbeit abhält.

Licht am Ende der Wahrheitsillusion

Unter dem Deckmantel der hohen Professionalisierung und Risikovorschau zwingt sie die Banken zur Erstellung von detaillierten Planungen. Die Krux ist nur – und wir haben ja hier und an anderer Stelle schon diverse Male darüber diskutiert – Pläne bilden die komplexe Realität weiterhin nicht ab. Und egal wie ausführlich die Planungen der Unternehmen auch sind – die Finanzkrise 2008/2009 hat gezeigt: Risiken lassen sich darin nicht erkennen. Dann hätten die Alarmglocken der BaFin schon vor der Krise laut geschellt.

Auch die Deutsche Bank, die von ihren Kreditnehmern ebenfalls detaillierte Unternehmensplanung einfordert, hat erst vor wenigen Tagen ein natürlich ungeplantes Jahresdefizit von 1,6 Milliarden ausgewiesen. Wenn Pläne auch noch im 21. Jahrhundert ein Zeichen von professioneller Unternehmensführung wären, wie hätte dies dann passieren können?
Wie sollen Unternehmer auf solche beeinträchtigenden Regelungen reagieren? Mit zivilem Ungehorsam vielleicht, wie es ein bekannter Unternehmer getan hat? Er hat seinem Finanzinvestor (einer skandinavischen ›Heuschrecke‹) ganz offen kommuniziert, dass er gerne für sie Pläne erstellt, aber nicht gewillt ist, mit dieser irrwitzigen Praktik sein Unternehmen kaputt zu machen. Er reicht bis heute keine Planung an seine Mitarbeiter weiter und darf wahrscheinlich nur deshalb unbeschadet weiter machen, weil er branchenüberdurchschnittlich erfolgreich ist.

Aber diese Vorgehensweise kann ja nicht im Sinne des Erfinders sein!

Ich bin kein Jurist und ich weiß auch nicht im Detail, wie der Gesetzgeber es schaffen kann, die Dynamisierung der Wirtschaft und Arbeitswelt in Paragrafen zu gießen. Doch dynamisches Leben erfordert auch dynamische – zumindest differenziertere – gesetzliche Bestimmungen.
Ich plädiere daher nicht etwa für eine Abschaffung, sondern für eine dramatische Ausdifferenzierung unserer Arbeitsschutzgesetze. Wenn  Arbeitsrealitäten unterschiedlicher werden, neue Berufsbilder, neue Organisationsformen und stark unterschiedliche Machtverhältnisse entstehen, dann passen Gesetzestexte von 1950 schlicht nicht mehr.
Schutzbedürftige brauchen wirksamen Schutz. Diesen Grundsatz unseres Wohlfahrtsstaates sollten wir nicht aus dem Auge verlieren. Genauso wie unser Grundgesetz, dass uns Freiheit gewährt. Und wir brauchen diese Freiheit, um gleichsam Freude und Erfüllung bei der Arbeit sowie wirtschaftliche Prosperität in globalen Märkten zu erreichen. Dieser Artikel ist kein Plädoyer für ein ›entweder-oder‹, sondern für ein ›sowohl-als-auch‹.

Ich kann für die vielen Betroffenen in den Unternehmen nur hoffen, dass alle, die auf Gleis 15 stehen geblieben sind, in den nächsten Zug einsteigen und frühestens am Ende des Tunnels der Wahrheitsillusion aussteigen. Dort, wo die Realität stattfindet.

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Geschrieben von

Blogauthor Lars Vollmer intrinsify.me
Lars Vollmer

Lars ist der Gründer von intrinsify.me. Er ist promovierter Ingenieur und Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Lars lebt vorwiegend in Barcelona und schreibt Wirtschaftsbücher, wenn er nicht gerade für intrinsify.me unterwegs ist oder auf Kongressen und Unternehmensveranstaltungen Keynotes hält.

Lars ist Gründer der Future Leadership eAcademy und führte 1999-2014 sein Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffczyk nicht nur zu einem unserer happy working places, sondern auch zu einem der angesehensten Beratungsunternehmen für den Neuen Maschinenbau. Sein aktueller Bestseller »Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden« ist erschienen beim Linde Verlag, 2016.

Erschienen am

Donnerstag, 2. Februar 2017

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3 Kommentare auf "Wie unsere Gesetzgebung im Industriezeitalter feststeckt"

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Christoph Kutzmann
Gast

Mal wieder ein wunderbarer Artikel. Vielen Dank Lars!
Ich stimme dir vollkommen zu – egal wie sehr man darüber redet, dass Unternehmen sich dem heutigen Zeitalter anpassen müssen: Wenn das gesetzliche Korsett zu fest geschnürt ist, wird atmen unmöglich/schwierig.
Ich hoffe, dass die Betroffenen vielleicht den nächsten oder übernächsten Zug bekommen…

Thomas
Gast

Naja… ich arbeite gern in meinem Beruf. Aber ganz im Ernst, ich bin froh, dass eine 10 Stunden Regelung existiert. Es gibt auch ein Leben nach der Arbeit;-)

Jens Lippoldt
Gast
Ja, ein guter Artikel mit passenden Beispielen. Dass Du, Lars, mal die Banken und die BaFin ins Spiel bringst, gefällt mir natürlich besonders! 🙂 Zu Deinem Kommentar, Thomas: Es geht nicht darum, dass alle immer mehr als 10 Stunden arbeiten sollen oder gar müssen, sondern dass sie es grundsätzlich DÜRFEN. Wenn ein Thema dringend bis zu einem Termin beendet sein muss, warum soll jemand nicht auch mal einige Tage mehr als 10 Stunden arbeiten dürfen und die Woche drauf ggf. kürzer arbeiten oder einen Tag zu Hause bleiben? Da ist die Regelung (wahrscheinlich weil sie bei ihrer Einführung vor vielen… Read more »
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