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Endlich: Mitarbeitermotivation gibt’s jetzt als Salbe

Wie Direktiven Unternehmen ins Desaster führen

Endlich: Mitarbeitermotivation gibt's jetzt als Salbe

Bildnachweis: © ti_to_tito – depositphotos.com

Warum sind wir da nicht schon längst drauf gekommen? Einfach ein paar wohlbedachte Worte abmessen, genügend Standards hinzufügen, dann behutsam alles im Normtöpfchen verrühren und noch ein Etikett mit einem bedrohlich klingenden Namen draufkleben – Medizin soll ja schließlich nicht melodisch klingen, sondern helfen. Diese Wundersalbe dann einfach allen Unternehmen gebührenpflichtig verschreiben und schon sind die Mitarbeiter motiviert, die Kunden glückselig und die Prozesse laufen wie geschmiert.

Zumindest wenn ich der neuen Norm IATF 16949:2016 Glauben schenke. Diese Norm beinhaltet die besonderen Anforderungen an das Qualitätsmanagement im Automotive-Umfeld. Darin findet sich eine widersinnige Formulierung, die mir so noch nie untergekommen ist: „Die Organisation muss über (einen) dokumentierte(n) Prozess(e) zur Motivation der Mitarbeiter zur Erreichung der Qualitätsziele, zur ständigen Verbesserung und zur Schaffung eines Umfelds zur Förderung von Innovation verfügen.“

So simpel ist das: dokumentierte Motivation. Und wir überlegen seit Jahren, wie wir mehr Spaß, Lebensfreude, Innovation und Leistung ins Business bringen können … Das war wohl Zeitverschwendung.

Der normierte Mensch

Wenn Du mich jetzt sehen könntest, würdest Du einen mächtig kopfschüttelnden Lars Vollmer ohne jegliches Verständnis für diese Absurdität entdecken. Wie können die Experten, die diese Norm in größter Präzision ausgearbeitet – beziehungsweise in diesem Fall nur aktualisiert haben – davon ausgehen, dass Unternehmen ihren Mitarbeitern Motivation vorschreiben können? Wie können sie dem Irrglauben verfallen, dass ein dokumentierter Prozess sicherstellen kann, dass Mitarbeiter motivierter ihre Arbeit tun? Wie können sie dem Glauben anheimfallen, dass gerade Motivation zielsicher zu Qualität führt? Wie zum Teufel können sie annehmen, dass Motivation in Form einer Salbe – und nichts anderes ist diese von außen verabreichte Norm – wirksam sein kann?

Denn das Gegenteil ist der Fall: Jeder Mensch, also auch jeder Mitarbeiter, hat bereits Motive. Somit ist jeder Mensch längst motiviert. Eine solche Norm führt Unternehmen lediglich ins Desaster. Schließlich dekretieren die Unternehmen ihren Mitarbeitern damit ihre eigenen Motive. Ergo: Muss jeder Mitarbeiter seine eigenen Motive hinten anstellen und im schlimmsten Fall noch gegen seine eigenen Triebfedern handeln. Machen wir uns nichts vor: das ist Abrichtung in seiner destruktivsten Art und Weise.

Dass dieses normfixierte Vorgehen nur Dienst nach Vorschrift produziert, brauche ich eigentlich nicht erwähnen. Und wertschöpfungsfernes Unternehmenstheater ist das obendrein. Einige Mitarbeiter werden von echter Arbeit abgehalten, damit sie die irrwitzige Norm im Unternehmen implementieren und ihre Einhaltung überwachen. Und die Mitarbeiter erlernen, dass sie bei dem Motivationstheater mitspielen müssen, sonst drohen Konsequenzen. Was hat der Kunde bitte schön von diesen internen Machenschaften?

Risiken und Nebenwirkungen

Verfechter dieser Direktive würden mir jetzt vermutlich entgegnen, dass diese Verordnung und die damit einhergehenden Prozesse – wie auch immer die aussehen mögen – sicherstellen sollen, dass die Mitarbeiter motiviert sind. Und was soll denn daran bitte schlecht sein?! Das würden doch wiederum die Kunden spüren und mit zufriedenen Kunden würde das Unternehmen noch erfolgreicher werden!

Nun, das Ansinnen habe ich schon verstanden. Und Normen hegen den hehren Anspruch, Dinge wie etwa eine gleichbleibende Qualität sicherzustellen – okay. Doch mit Verlaub: Ein Mitarbeiter ist kein Stück Eisen, das sich auf exakt 16,43 Millimeter Durchmesser drehen lässt. Er ist immer noch ein Individuum, das niemals digital funktioniert hat, geschweige denn jemals gleich ticken wird wie ein zweiter Mitarbeiter – egal, wie viele Prozesse dies sicherstellen sollen. Und Unternehmen können Mitarbeiter nicht im Entferntesten mit einem standardisierten Prozess motivieren. Denn wie hinlänglich – nicht zuletzt durch die Veröffentlichungen von Ryan&Deci oder Alfie Kohn, die von Daniel Pink aufmerksamkeitsstark publik gemacht wurden – bekannt sein dürfte: Autonomie ist ein wesentlicher Faktor zur Entfaltung von Motivation.

Vielleicht sollten die Verfasser von Normen grundsätzlich die Wechselwirkungen mit der realen Arbeits- und Unternehmenswelt und hinreichend erforschte Nebenwirkungen im Beipackzettel angeben.

Motivation durch Selbstbestimmung und motivierende Standardprozesse vertragen sich nicht.

Höhepunkt des Direktivenschauspiels

Dieser Normwahnsinn gipfelt, wie auch bei der IATF 16949:2016, meistens in einem Zertifizierungsverfahren. Eine reine Persiflage, die ich im Maschinenbau einige Male live miterleben durfte: Etwa drei Wochen vor dem Audit stellt das Unternehmen ein Team ab, um die Prozesse »glattzuziehen« (ein tolles Wort, oder?). Naja, de facto nicht die Prozesse, sondern lediglich die Dokumentation darüber. Die soll vor dem großen Audit einigermaßen zum tatsächlichen Prozess passen, in sich plausibel und vor allem auditierfähig sein.

Grotesk ist, dass in dieser Vorbereitung unweigerlich der Punkt kommt, an dem das Zertifizierungsteam merkt, dass die Dokumentation in Einzelfällen immer abweicht. Es ist schier nicht möglich, jeden Umstand zu dokumentieren und das auch noch normgerecht. Trotzdem arbeiten die Beteiligten, von der Vernunft in den Unsinn getrieben, weiter eifrig daran, das Schauspiel zur Aufführung zu bringen – völlig egal, wie viel es kostet und wie viele Manntage draufgehen. Wenn’s gar nicht anders geht, wird der Text eben ein bisschen umformuliert.

Und dann ist er da: der Tag der Auditierung, an dem das Projektteam dem Auditor die glattgezogene Dokumentation präsentiert. Die Wahrheit scheint eben doch Auslegungssache – auch beim Auditor. Denn der ist ja nicht blöd, kennt die Branche und weiß um das Schauspiel. Natürlich nimmt er seinen Job ernst, schaut an manchen Stellen genauer hin, um keine groben Schnitzer durchgehen zu lassen. Doch er lässt seine „Pappenheimer“ meist nur mit minimalen Veränderungen passieren. Was soll’s, ein Schiedsrichter drückt eben auch mal ein Auge zu beim Spiel.

Anwendungsgebiete unklar

Schließlich haben alle Beteiligten etwas davon, dass das Unternehmen die Zertifizierung übersteht: Die DQS, die DEKRA und sonstige unabhängige Prüfer können ihre Siegel verteilen und verdienen natürlich auch damit. Das Unternehmen kann sich wieder einen Stern ans Revers heften und die Verantwortlichen können ruhig schlafen, weil die Einhaltung der Norm auf dem Papier bestätigt wurde. Das Allerbeste an der Zertifizierung ist allerdings, dass die Kunden nun Sicherheit haben, dass die Prozesse einwandfrei laufen, die Produktqualität niemals von der Norm abweichen wird und mittlerweile auch, dass die Mitarbeiter ihre Arbeit motiviert verrichten.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich über diesen verklärten Blick lachen oder weinen soll!

Als ob ein Audit oder eine Zertifizierung gewährleisten könnten, dass die Prozesse permanent sauber laufen. Einmal Salbe auftragen und die Wehwehchen sind für immer weg – schon klar. Als ob fixierte Prozesse den Kunden zufriedenstellen würden. Das würde nämlich voraussetzen, dass die ganze Welt um das Unternehmen herum erstarrt. Kein Lieferant dürfte Ausgangsmaterial liefern, das von der Norm abweicht, kein Kunde dürfte Sonderwünsche haben, damit die dokumentierten Prozesse zur Anpassung zwingen und kein Mitarbeiter dürfte einen schlechten Tag haben – schließlich steht auf dem Papier dokumentiert und zertifiziert, dass das Unternehmen nur durch motivierte Mitarbeite seine Qualitätsziele erreichen kann. Welch ein naiver Unsinn!

Erfolgreiche Unternehmen sind gerade auf ihre Improvisationsfähigkeit angewiesen, wenn der Lieferant das Ausgangsmaterial mal wieder mit einer Toleranz schickt. Material ablehnen – völlig unrealistisch, denn eine neue Lieferung kommt viel zu spät, um den Liefertermin beim Kunden einzuhalten. Die damit einhergehenden Pönale können sich Unternehmen schlichtweg nicht leisten. Auch andere unvorhergesehene Umstände erfordern eine schnelle und flexible Handhabung, unabhängig davon, was die normgerechte Dokumentation vorschreibt. Dafür braucht es Ideen und keine zertifizierte Prozesse, das ist ein fundamentaler Unterschied und war bei uns schon oft Thema (hier, hier oder hier)

Sinnhaftigkeit von Normen und Zertifizierungen hin oder her – der Umgang damit, dieses dogmatisch starre Anhaften, ist reines Businesstheater. Die Welt da draußen dreht sich. Wer sich nicht mitdreht, wird über kurz oder lang abgehängt. Da hilft auch keine Tinktur oder Salbe, denn der Virus und damit die Zusammensetzung ändern sich ebenfalls.

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Geschrieben von

Blogauthor Lars Vollmer intrinsify.me
Lars Vollmer

Lars ist der Gründer von intrinsify.me. Er ist promovierter Ingenieur und Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Lars lebt vorwiegend in Barcelona und schreibt Wirtschaftsbücher, wenn er nicht gerade für intrinsify.me unterwegs ist oder auf Kongressen und Unternehmensveranstaltungen Keynotes hält.

Lars ist Gründer der Future Leadership eAcademy und führte 1999-2014 sein Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffczyk nicht nur zu einem unserer happy working places, sondern auch zu einem der angesehensten Beratungsunternehmen für den Neuen Maschinenbau. Sein aktueller Bestseller »Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden« ist erschienen beim Linde Verlag, 2016.

Erschienen am

Donnerstag, 6. April 2017

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5 Kommentare auf "Endlich: Mitarbeitermotivation gibt’s jetzt als Salbe"

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Tom Dahlström
Gast
Ich entscheide mich für hoffnungsvollen Optimismus: Wir üblich hat die Norm selbst keinen eigenen Wert; es zählt nur, was auf ihrer Basis entsteht. Wenn dadurch Unternehmen angehalten werden, über Mitarbeitermotivation nachzudenken, finde ich das erst mal gut: Es liegt dann an den Innovation unter uns, gute Ergebnisse zu schaffen um das Ziel zu erreichen – wenn die dann „Prozess zur Mitarbeitermotivation“ heißen, regt das zwar zum Schmunzeln an, aber das Buch soll ja bekanntlich nicht nach dem Einband beurteilt werden. Ich persönlich werde erst mal recherchieren, welche Unternehmen sich diese Norm auferlegen und hoffe auf neue Kunden und mehr glückliche… Read more »
personalmarketing2null
Gast

Moin Lars, als ich die ersten Zeilen des Artikels las, war ich mir nicht sicher, ob es sich evtl. um einen verspäteten Aprilscherz handelt. Offenbar ist dem nicht so. Eine Norm für Mitarbeitermotivation. Selten so gelacht. Ich warte auf den Moment, wo es eine DIN-Norm für Personalmarketing gibt. Oder Recruiting. Oder Mitarbeiterführung. Danke für deine wie immer lesenswerten Gedanken dazu!

Bernhard Fischer
Gast
Lieber Lars, vermutlich ist ein „Prozess zur Mitarbeitermotivation“ so unsinnig, wie du das in deinen Beitrag zugespitzt formulierst. Allerdings ist – so meine Interpretation – ein „Prozess zur Motivation“ nicht die zentrale Intention der von dir angegebenen Formulierung. „Die Organisation muss über (einen) dokumentierte(n) Prozess(e) zur Motivation der Mitarbeiter zur Erreichung der Qualitätsziele, zur ständigen Verbesserung und zur Schaffung eines Umfelds zur Förderung von Innovation verfügen.“ Dies bezieht sich vielmehr auf die Aufgabe der Organisation ein Bewusstsein für das QM-System und dessen Ziele und wesentlichen Eigenschaften zu schaffen. Es soll eine Haltung bei den Mitarbeitern bewirkt werden, in der sie… Read more »
Wiebke Wetzel
Gast

Lieber Bernhard, ich lese den Absatz genauso wie du. Es bleibt aber der Widerspruch, dass die Organisation das Bewusstsein (oder die Motivation) für die Ziele eines QM-Systems nicht durch eine standardisierten Prozess schaffen kann. Sondern durch Diskussion, wo auch immer sie stattfindet (auf dem Flur, beim Mittagessen, bei der Tasse Kaffee).

Wolfgang Dietrich
Gast

Klasse geschrieben und ich teile die Meinung natürlich.
Eine Ergänzung zu Ihrem Beitrag, Herr Dahlström, habe ich noch:
Natürlich haben Normen einen wert :-)….. immer für diejenigen, die als Zertifizierer damit verdienen und wenigstens die, fürs Schreiben bezahlt werden. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

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