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Schatz, wir müssen über Politik reden

Warum wir nicht ohne politisches Bewusstsein über Arbeit diskutieren können

Da Du vorhast, diesen Artikel zu lesen, muss ich vorab eines klarstellen: Ich habe ihn aus keinerlei politischer Motivation heraus verfasst. Ich hab beim Schreiben sehr bewusst versucht, mich weder von einer bestimmten politischen Ideologie treiben zu lassen, noch mich auf die Seite einer bestimmten Partei zu schlagen. Im Gegenteil: als ich mir vor Kurzem Gedanken über die nahende Bundestagswahl gemacht habe, musste ich feststellen: Für mich gibt es bei allen Parteien aktuell gute Gründe, sie nicht zu wählen.

Deshalb möchte ich mich in diesem Text auf eine Richtung zurückbesinnen, die ich einmal mitgewählt habe. Bei intrinsify.me sind wir am Anfang ganz bewusst einer libertären Idee gefolgt (bitte nicht gleichzusetzen mit liberal oder der liberalen Partei). Das fand – und finde – ich hervorragend so.

Die Politik in Deinen Diskussionen

Es mag Dich verwundern, dass ich hier einen Artikel über politische Ansichten und Strömungen schreibe. Hier, bei intrinsify.me, wo wir doch über Neue Wirtschaft diskutieren, einem Klammerbegriff für neue Arbeit und moderne Unternehmensführung. Glaub mir, so abwegig ist das gar nicht. Denn die Neue Wirtschaft ist genauso Gegenstand politischer Betrachtungen wie alle anderen Aspekte Deines Alltags auch.

Während unser Netzwerk einen libertären Ansatz verfolgt, beschäftigt sich auch die „echte“ Politik mit neuer Arbeit – nur eben ein wenig anders.

Warum wir nicht ohne politisches Bewusstsein über Arbeit diskutieren können

© nasirkhan – depositphotos.com

Ich setze auf Wahlfreiheit in der Arbeit. Für den einen ist es ideal, zu flexiblen Zeiten zu arbeiten, damit er zwischendurch mal seinen Sohn vom Kindergarten abholen kann. Ein Zweiter möchte seinen Arbeitsort frei wählen können. Dem Nächsten ist es wichtig, seinen eigenen Beitrag zu gestalten, anstatt Zielparametern hinterherzuhecheln, die ihm jemand anders auf den Schreibtisch knallt. Der Sinn, den diese Menschen in ihrer Arbeit finden, reicht von „Ich will hier nur meine Brötchen verdienen“ bis hin zu „Ich möchte die Welt retten“. New Work bedeutet für mich deshalb auch immer: Ich möchte individuell wählen können, damit ich mich selbst in meiner Arbeit verwirklichen kann.

Die Politik hingegen steckt bei ihren Gedanken über neue Arbeit nicht selten noch im Korsett einer „normalen“ Arbeit. Die gibt es wirklich. Das angeblich normale Arbeitsverhältnis ist nämlich: Abhängig beschäftigt. Angestellt. Sozialversicherungspflichtig. Vollzeit. Mir fällt auf: in den allermeisten politischen Debatten wird Wert darauf gelegt, diese Norm zu stärken, und nur selten wird auf die immer differenzierteren Marktrealitäten der Unternehmen einerseits und differenzierteren Wünsche der arbeitenden Menschen andererseits geachtet.

Treffen diese beiden Ansichten nun aufeinander, sind hitzige Diskussionen vorprogrammiert – auch hier bei uns im Netzwerk. Und ich möchte meinen, dass viele dieser Diskussionen gar nicht inhaltlich motiviert sind, sondern vielmehr Ausdruck unterschiedlicher politischer Haltungen.

Untrennbar verbunden

Bei Barcamps und Podiumsdiskussionen über New Work höre ich beispielsweise häufig Forderungen, die – leicht überspitzt – nach „Befreiung der Mitarbeiter aus der Knechtschaft des Managements“ klingen. Da sollen „Pyramiden umgedreht“ werden und am besten gleich alle so viel verdienen wie der Chef. Ich komme nicht umhin, die politische Motivation dahinter zu hinterfragen. Manche Forderungen wie Argumente scheinen mir eher politisch „links“ verortet zu sein, manche machen zudem „autoriäre“ Bestrebungen sichtbar.

Ob Du und ich diese Forderungen nun als erstrebenswert einschätzen oder nicht, soll hier gar keine Rolle spielen. Doch sie zeigen: Sobald eine (politische) Ideologie im Spiel ist, verstellt sie den Blick und tritt der klaren Beobachtung in den Weg. Das habe ich erst vor kurzem hier länger beschrieben.

In Ideologien zu denken, entspricht nicht unserem aufklärerischen Anspruch. Wir müssen uns deshalb bewusst sein, mit welcher politischen Haltung wir auf Themen schauen.

Vielleicht müssten wir bei intrinsify.me sogar noch einen Schritt weiter gehen: Sollten wir nicht auch über Politik reden? Nicht nur über Arbeit? Denn sie sind nicht voneinander zu trennen. (Wir hatten bei unserem letzten Wevent in Hamburg eine höchst politische Session, und es war für mich eine der wertvollsten der letzten Jahre – Danke Olivier Schneller)

Durch die politische Brille

Deine politische Haltung bestimmt deutlich mit, wie Du an Themen der neuen Arbeitswelt herangehst. Ich gebe Dir ein Beispiel: Nehmen wir an, Du diskutierst mit einer zweiten Person über Teams – was sie von Abteilungen unterscheidet, wie man sie geschickt baut, wie sie wirkungsvoll werden etc. Dann werden Deine Argumente unterschiedlich ausfallen, je nachdem welche politischen Glaubenssätze dahinterstehen.

Du könntest aufklärerisch auf das Thema schauen und Dich fragen: Welche Probleme können Teams besser lösen als Einzelpersonen oder Abteilungen. Welche Wirkung hat formale Macht auf Teams. Du weißt, worauf ich hinaus möchte.

Oder Du schaust beispielsweise durch eine linkspolitische Brille: Dann wirst Du vermutlich für all die tollen Mitarbeiter in die Bresche springen, denen endlich niemand mehr sagen soll, was sie zu tun haben. Oder Du argumentierst für die Aufteilung des Geldes der Manager unter allen Angestellten (wie es beispielsweise Doug Kirkpatrick von MorningStar, einem unserer happy working places, tut).

Vielleicht ist Deine Argumentation aber auch geprägt vom Wunsch nach Freiheit für jeden Einzelnen: Jeder im Team darf sein eigenes Ding machen. Ein bisschen anarchisch und gleichzeitig menschenliebend, denn jeder ist wertvoll und darf seine Ziele verfolgen.

Das Ergebnis könnte bei allen drei Begründungsfacetten dasselbe sein. Welche dann also besser ist, liegt letztlich im Auge des Betrachters. Aber es würde mich auch nicht wundern, wenn gerade durch die unterschiedliche argumentative Herangehensweise ganz andere Teamkonstellationen entstehen, die auch in ihrer Wirkung nicht identisch sein werden. Dann hätte Deine politische Grundhaltung einen Unterschied in der Wirkung gemacht.

Mitgedacht

Ich möchte Dich deshalb anregen, Dir bewusst zu machen: Egal, welche politischen Überzeugungen Du vertrittst, sie schwingen mit, wenn Du über Arbeit redest. Genauso bei allen Anderen in der Diskussionsrunde. Eine Banalität? Vielleicht. Aber das mitzudenken hilft einer Debatte garantiert.

Ich stelle mir beispielsweise zunehmend häufiger in Debatten still ein paar Fragen, die ich auch Dir anbieten möchte: Ist die Meinung des Anderen ideologiefrei? Ist sein Argument überhaupt eines oder bloß eine Meinung, also ein Gefühl. Falls ja, ist sein oder ihr Argument auch ohne eine politische Haltung tragfähig? Und wenn ja, dann steckt womöglich etwas drin, mit dem es sich auseinanderzusetzen lohnt.

Vielleicht hier mit den Mitgliedern von intrinsify.me. Oder am 10. September, wenn sich gegensätzliche Meinungen bei unserer Aktion »Die Neue Wirtschaft im Zwiegespräch« treffen.

Verpasse keine neuen Beiträge und werde zum Experten der Neuen Wirtschaft

Geschrieben von

Blogauthor Lars Vollmer intrinsify.me
Lars Vollmer

Lars ist der Gründer von intrinsify.me. Er ist promovierter Ingenieur und Honorarprofessor an der Leibniz Universität Hannover. Lars lebt vorwiegend in Barcelona und schreibt Wirtschaftsbücher, wenn er nicht gerade für intrinsify.me unterwegs ist oder auf Kongressen und Unternehmensveranstaltungen Keynotes hält.

Lars ist Gründer der Future Leadership eAcademy und führte 1999-2014 sein Beratungsunternehmen Vollmer & Scheffczyk nicht nur zu einem unserer happy working places, sondern auch zu einem der angesehensten Beratungsunternehmen für den Neuen Maschinenbau. Sein aktueller Bestseller »Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden« ist erschienen beim Linde Verlag, 2016.

Erschienen am

Donnerstag, 31. August 2017

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3 Kommentare auf "Schatz, wir müssen über Politik reden"

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Timo
Gast
Danke für den Klasse Artikel, der m.E. auch gerade zur richtigen Zeit kommt. Ich finde, wir sollten bei intrinsify.me definitiv mehr über Politik reden und kann nur zustimmen, dass die Themen Neue Wirtschaft und Politik nicht zu trennen sind. Mich bewegen zurzeit konkret die Auswirkungen der gesetzlichen Anpassungen im Werk- und Dienstvertragswesen, die mir meine Arbeit als Freiberufler unnötig erschweren. Ich nehme wahr, dass unsere Politik immer mehr den Entwicklungen in der Neuen Wirtschaft hinterherläuft und zunehmend an „Passung“ verliert. Genauso wie ich daran arbeite, in klassischen Unternehmen die Systemtheorie als Denkwerkzeug zu etablieren, fordere ich auch, dass unsere Politiker… Read more »
Jochen
Gast
Ja, Dein Störgefühl kann ich gut nachvollziehen. Ich stelle mir aber die Frage, ob die Diskussion ÜBER Politik hier wirklich hilfreich ist? Klar kann man ansetzten „Politik ist die unterkomplexe Antwort auf überkomplexe Sachverhalte“ und dann lamentieren, das das so ja schon gar nix werden kann (oder die Gegenposition „Politik hat keine Antwort, Ist der Wahlkampf zu lasch?“ s. Artikel auf Telepolis https://heise.de/-3816874 und vor allem die daran ansetztende Diskussion). Aber ich befürchte, dass dabei Ursache und Wirkung verwechselt werden. Meiner Ansicht nach ist die politische Meinung nicht die Ursache, sondern Ausdruck dahinter liegender Prägungen und Werte. In oben verwiesenem… Read more »
Olivier Schneller
Gast

Bitteschön, Lars. 🙂

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