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Wieso Methoden keine Ideen hervorbringen können

Kein Design Thinking oder Brainstormingprozess kann Ideen erzeugen

Bildnachweis: © hristianin – depositphotos.com

Brainstorming, Design Thinking & Co können keine Ideen erzeugen, aber trotzdem etwas bringen.

Unternehmen werden heutzutage immer mehr von ihren Wettbewerbern bedroht. Andauernd kommen Innovationen auf den Markt – teilweise derart disruptiv, dass sie das Unternehmen in eine ordentliche Schieflage bringen können. Bekannt. Haken dran.

Auch bekannt: Unternehmen beginnen darauf zu reagieren. Eigene Innovationen müssen her und zwar haufenweise. Wollen doch mal sehen, wer hier die Nase vorn hat.

Das Thema Innovation bekommt eigene Projekte und möglicherweise auch ein explizites Kästchen im Organigramm.

Hände auf den Boden. Füße an die Wand.

Okay. Die Einsicht ist da. Die Infrastruktur steht. Jetzt brauchen wir noch etwas, das uns auf die Sprünge hilft. Eine Methode, um wirkliche Kracher zu generieren.

Das Angebot ist üppig. Berater stehen Schlange und versprechen, mit ihren Methoden die besten Innovationen hervorzubringen. Und so werden sie nach Herzenslust bestellt – die Kreativworkshops. Brainstorming, Kopfstand- und Assoziationsmethoden inklusive.

Unermüdlich konkurrieren neue Formate, wie seit kurzem auch das viel gerühmte „Design Thinking“,  um die Gunst der Kreativen. Ich habe übrigens so ziemlich jedes davon selbst ausprobiert.

Konkrete Heilsversprechen – wir lieben das.

Methoden sind der Stoff, aus dem Erfolg gemacht wird. Verspannung im Nacken? Massage. Schmerzen im Knie? Krankengymnastik. Keine Idee? Kreativworkshop. Methode nehmen, anwenden und alles wird gut. Wunderbar.

Und wenn’s dann doch nicht klappt? Nun, dann war die Methode nicht gut genug. Oder sie wurde nicht professionell genug angewendet. Vielleicht war auch der Moderator nicht richtig ausgebildet.

Dann legen wir nach und lassen uns in der entsprechenden Methode noch einmal ordentlich ausbilden. Davon lebt übrigens ein ganzer Geschäftszweig.

Und damit das Geschäft möglichst lange gut funktioniert, sind die Ausbildungsinstitute systemisch dazu gezwungen, sich immer neue Kniffe auszudenken, wie die Methode noch besser funktioniert.

Sie würden es natürlich nicht „ausdenken“ nennen, sondern behaupten, dass sie Best Practices identifiziert haben. Wahrscheinlich glauben sie auch daran.

Wenn der Bauer nicht schwimmen kann, liegt’s an der Badehose.

Die grundsätzliche Annahme hinter all dem ist, dass Ideen das Ergebnis eines Prozesses sein könnten.

Und wenn dann keine Idee kommt, muss es am Prozess liegen. Logisch. Und so ist es nur allzu verständlich, dass man genau hier ansetzt. Verständlich, dass man versucht, die jeweilige Methode noch wirkungsvoller zu machen.

Es scheint auch zu klappen. Denn letztlich werden immer irgendwelche Ideen auf den Tisch gebracht. Erfahrungsgemäß kann immer irgendjemand etwas vorbringen, das zu der Situation passt.

Und so kann man sich leicht der gemeinsamen Illusion hingeben, es sei tatsächlich der Prozess, der für die Idee gesorgt hätte. Siehste. Funktioniert.

Was aber, wenn es gar nicht stimmt? Was, wenn Ideen gar nicht durch Prozesse entstehen KÖNNEN?

Ideen können nicht herbeigeführt werden. Durch nichts. Niemals.

Mein geschätzter Beraterkollege und Inspirator vieler meiner Blogposts, Gerhard Wohland, hat es mal so gesagt: Viele meinen, sie hätten unter der Dusche ihre besten Ideen.

Wenn ihr mal versucht, die Sache umzukehren, merkt ihr, dass das Unsinn ist. Denn wenn ihr euch das nächste Mal, wenn ihr eine Idee braucht, unter die Dusche stellt und wartet, kann es euch passieren, dass ihr tagelang nass werdet.
Sehen wir der Sache fest ins Auge: Mal kommt eine Idee, mal nicht. That’s it. Kein Prozess der Welt kann dabei helfen. So sehr wir uns das auch wünschen oder so sehr wir meinen, andere Erfahrungen gemacht zu haben.

Ideen kommen aus dem Bauch. Nie aus dem Kopf.

Es hilft, wenn man sich klar macht, was genau eine Idee ist. Eine Idee entsteht auf der Basis von Gefühlen. Gefühlen, die man hat, wenn man mit einer bestimmten Problemsituation konfrontiert wird.

Ein Beispiel: Skifahren. Die Piste ist plötzlich viel steiler als gedacht. Und ihr kommt dermaßen in eine Schussfahrt, dass euch angst und bange wird. In dem Moment präsentiert euch euer Körper plötzlich eine Idee: Hinschmeißen.

Der Verstand hat an dieser Idee überhaupt keinen Anteil. Null. Das Einzige, was der Verstand kann, ist die Idee zu ERKENNEN, die der Körper zur Verfügung stellt.

Wie bist Du denn darauf gekommen? Weiß ich doch nicht.

Ja gut, auf der Piste lässt sich diese Körperlichkeit sicher sofort unterschreiben. Schwerer wird es im Arbeitsumfeld. Schauen wir uns das auch mal an einem konkreten Beispiel an:

Stellt euch vor, ihr arbeitet mit Kollegen an der Organisation einer Konferenz. Und ihr habt keine Ahnung, wie ihr es hinkriegen sollt, dass die Teilnehmer schon im Vorfeld ihre Interessen angeben. Wie soll das gehen? Schließlich weiß ja jeder, dass Umfragen eh nicht ausgefüllt werden.

Plötzlich geschieht etwas Wunderbares: Irgendeinem aus der Runde kommt eine Idee. Die Idee, den Teilnehmern E-Mails mit unterschiedlichen Inhalten zu schicken – und dann zu beobachten, wie sie mit diesen verschiedenen Impulsen interagieren.

Klicken sie auf bestimmte Links – oder eben gerade nicht? Und so ließe sich gut herausfinden, welche Themen auf der Konferenz auf mehr Interesse stoßen als andere.

Die Idee kam aus dem Nichts. Es war nicht das harte Nachdenken. Auch nicht das einstündige Brainstorming. Nein, sie kam aus einem bestimmten GEFÜHL heraus. Der Verstand hat nichts weiter getan, als die Idee als wertvoll zu erkennen, zu verarbeiten und sie der Gruppe kommunikativ zur Verfügung zu stellen.

Methoden liefern einen Schutzraum. Zum Aussprechen. Nicht zum Entwickeln.

Heißt das jetzt, alle Kreativitäts-Methoden sind für die Katz? Jein.

Methoden liefern zwar keine Ideen, aber sie liefern einen Schutzraum für die ÄUßERUNG von Ideen.

Wenn der Mitarbeiter in einer solchen Sicherheit spinnen und kreativ sein DARF, dann kann er plötzlich Ideen einfach so äußern. Ideen, die er sonst zunächst auf ihre kulturelle Wirkung überprüfen müsste.

Das passiert ganz unbewusst. Möglicherweise hat der Mitarbeiter, wenn ihm plötzlich eine Idee durch den Kopf schießt, Hemmungen, sie auszusprechen. Möglicherweise ist ihm die Sache peinlich und er hat Angst, als unrealistischer Spinner abgestempelt zu werden.

Aber in dem Schutzraum der Kreativtechnik ist ja alles erlaubt, sogar gefordert und deshalb die Äußerung einer Idee ungefährlich, zumindest mal ungefährlicher.

Die Sache ist also erschreckend einfach: Statt aufwendige Zeremonien zu veranstalten und ganze Bücher darüber vollzuschreiben, reicht es vollkommen, einen Schutzraum zu kreieren.
Wie genau dieser Schutzraum aussieht, hängt vom jeweiligen Unternehmen ab. Wichtig ist nur, dass:

  1. er überzeugend einen Raum schafft, in dem die Äußerung von Ideen ohne jedes Risiko erfolgen kann.
  2. die Beurteilung der Qualität der Idee nicht von der formalen Hierarchie abhängt. Das heißt, es muss ein Raum sein, in dem die formale Hierarchie nicht wirken kann – oder zumindest nur sehr begrenzt.

Das heißt auch, dass es kein physischer Raum sein muss. Auch kein Workshop. Wichtig ist nur, dass in der jeweiligen Arbeitssituation, z.B. durch eine Projektstruktur, sichergestellt ist, dass die Mitglieder des Projektteams frei von ihren Hierarchieverhältnissen sind und ihre Ideen ungehindert äußern können.

Ein solcher Schutzraum schafft auch einen Rahmen, in dem eine Idee zur Innovation werden kann. Denn das haben wir noch gar nicht besprochen: Idee ist nämlich noch nicht die erhoffte Innovation! Nur der Grundstein, den es braucht.

In einem der folgenden Blogpost klären wir das und gehen der Frage nach, wie aus einer spontanen Idee eine Innovation werden kann. Für mehr happy working people!

Verpasse keine neuen Beiträge und werde zum Experten der Neuen Wirtschaft

Geschrieben von

Blogauthor Mark Poppenborg intrinsify.me
Mark Poppenborg

Mark ist der Gründer von intrinsify.me. Mark erforscht seit Jahren eine Vielzahl von Pionier-Unternehmen, die radikal neue Wege in der Führung bestreiten. Seine tiefgreifenden Erkenntnisse führt er auf innovative Weise in seiner Beratungsarbeit, Seminaren und Speaker-Auftritten der Wirtschaft zu. Mark ist ebenfalls Gründer der Future Leadership eAcademy und eines Online Business (Paleo Jerky), das sich unter seiner Führung zum deutschen Marktführer für gesundes Beef Jerky entwickelte. Insofern ist er nicht nur Vordenker sondern auch Vormacher der neuen Arbeitswelt.

Erschienen am

Montag, 9. November 2015

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5 Kommentare auf "Wieso Methoden keine Ideen hervorbringen können"

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Christian Wiedehöft
Gast
Hi, und wieder einen ganzen Geschäftszweig in einem Blog aus Korn genommen. Das hier ist mein erster Kommentar, man darf also gespannt auf die Reaktion sein. Ich finde, die Aussage „die besten Ideen kommen unter der Dusche“ wird hier nicht genug analysiert und zu schnell abgetan. Ideen kommen aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf. Ja, Haken dran 😉 Damit mein Bauch aber Zeit zum Arbeiten hat, muss der Kopf ruhen, dafür braucht man einen geschützen Raum, in dem man Abschalten kann. Wann ist das? Bestimmt nicht auf der Arbeit: zumindest bei mir (noch?) nicht. Die Ideen kommen oft… Read more »
Ingrid
Gast
Hallo, Ein guter Artikel, mir gefällt deine Argumentation! Ich bin selber Design Thinking Beraterin und fühle mich, anders als mein Vorredner meint, gar nicht aufs Korn genommen, sondern vielmehr verstanden. Es ist weder die Methode, die nicht passt, oder der Ansatz, der falsch gewählt wurde, noch ist die Person, die falsche, die dagegen arbeitet oder womöglich „einfach nicht der Typ ist“. Methoden geben Sicherheit, wie du schon geschrieben hast, und halten uns an, uns intensiver mit Sachen zu beschäftigen und nachzudenken. Sie laden ein, dass wir uns mehr trauen, dass wir offener und vor allem Fehlertoleranter sind. Der Mensch ist… Read more »
Alex
Gast
Ich finde Ideen in Unternehmen grundsätzlich bedrohlich. Also nicht meine eigenen natürlich. Sondern die von den anderen. Das könnte für mich ja Folgen haben und meine eigenen Pläne und Präferenzen durchkreuzen. Deswegen finde ich es gut, dass es auch so schwer ist, neuen Ideen in Unternehmen Raum zu verschaffen. Oder dass Ideen, wenn es sich doch einmal nicht vermeiden lässt, dass sie geäußert werden, dann im Tagestrott in der Regel wirkungslos verpuffen. Den Artikel finde ich daher auch ziemlich beruhigend. Denn „Schutzräume in Unternehmen“: Mann, das ist echt ein, wie heißt das doch gleich? Schwarzer Schimmel? Für Schutzräume ist in… Read more »
Jörg
Gast
Lieber Mark, Du glaubst nicht, was mir gerade passiert ist, als ich unter der Dusche stand: Eine Idee – und noch eine – und noch eine. Insgesamt 3 konkrete und für mich wertvolle Ideen konnte ich eben einsammeln und es geht mir gerade richtig gut. Ein Zufall? Für mich gefühlt: Jein. Auch ich habe Ideen in allen möglichen Lebenssituationen – nicht nur unter der Dusche. Allerdings ist der „Prozess“ Duschen aus meiner Sicht ein GÜNSTIGES UMFELD für die Produktion von Ideen. Auch Joggen, Zugfahren oder interaktive Workshops in der Firma zählen für mich persönlich dazu. Ist das nicht für jeden… Read more »
Mark
Gast

Danke für die tollen Kommentare, die mich zum Teil zum Nachdenken gebracht haben. Ich bin noch bis Mitte Dezember im Urlaub, aber ich antworte noch. Bis dahin stehe ich auch noch einige Male unter der Dusche;) Viele Grüße.

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